Weg in den Krieg (Thema)

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Es gab einige wenige Mahner, die prophezeiten: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!" Für den durchschnittlichen Bürger aber hatten ihre Warnungen nicht mehr Wert als andere Propagandaphrasen. Da hielt man es lieber mit Theodor Heuss, dem späteren Bundespräsidenten, der 1932 in seinem Buch "Hitlers Weg" manche radikale Äußerung des NSDAP-Führers in "Mein Kampf" als Jugendsünde abtat und am 23.3.1933 mit der überwältigenden Mehrheit des Reichstags für das Ermächtigungsgesetz stimmte, das Hitler für begrenzte Zeit diktatorische Vollmachten einräumte.

    Krieg? Das war damals ein fast lächerlicher Gedanke. Wie wollte jemand mit einem entwaffneten, von aufmerksamen Großmächten umgebenen, wirtschaftlich fast völlig ruinierten Volk jemals Krieg führen? Und Hitlers erste Regierungsmonate überzeugten sogar seine Gegner von seinen friedlichen Absichten. Die Sozialdemokraten, die einzigen, die ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz verweigert hatten, billigten im Reichstag am 17.5.1933, kaum zwei Monate später, ausdrücklich die Friedensrede Hitlers, in der es hieß: "Die deutsche Regierung wünscht sich über alle schwierigen Fragen politischer und wirtschaftlicher Natur mit den anderen Nationen friedlich und vertraglich auseinander zu setzen. Sie weiß, dass jeder militärische Akt in Europa auch im Falle seines vollständigen Gelingens, gemessen an seinen Opfern, in keinem Verhältnis steht zum möglichen endgültigen Gewinn."

    Auch das Ausland sah lange keinen Anlass, den Friedensbeteuerungen zu misstrauen. Im Gegenteil: Insgeheim wusste man auch in London und Paris, dass das Diktat von Versailles den Deutschen unrecht getan hatte. Es war sozusagen im Affekt entstanden. Jetzt war man bereit, Korrekturen vorzunehmen. Und daher hielten die Westmächte auch still, als Hitler im März 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder einführte. Das war zwar ein klarer Bruch des Versailler Vertrages, doch niemand sah darin etwas Aggressives. Die deutsche Forderung nach angemessener Rüstung stieß auf Verständnis. Mit einem Nichtangriffspakt mit Polen hatte Hitler im Januar 1934 für alle Welt klar signalisiert, dass er nicht nur vom Frieden rede, sondern auch danach handle. Deswegen hatte die britische Regierung auch keine Skrupel, als sie im Juni 1935 mit dem Deutschen Reich ein Flottenabkommen traf, das ebenfalls klar gegen die Versailler Bestimmungen verstieß.

    Zu mehr als formalen Protesten kam es daher auch nicht, als deutsche Truppen im März 1936 das seit Versailles entmilitarisierte Rheinland besetzten. Hitler war mit Unmutsäußerungen natürlich nicht zu beeindrucken: "England hat mir eine Protestnote geschickt", sagte er; "eine Kriegserklärung hätte ich verstanden, auf einen Protest gebe ich gar keine Antwort." Und er fügte hinzu: "Italien ist unser Freund, und Mussolini ist ein Staatsmann so großen Formats, der weiß und begreift, dass es eine andere Entwicklung nicht gibt." Dabei war Mussolini anfangs äußerst skeptisch Hitler gegenüber. Drohend ließ er Truppen am Brenner aufmarschieren, als im Juli 1934 österreichische Nationalsozialisten den Kanzler Dollfuß ermordeten und putschen wollten. Hitler musste die Verschwörer fallen lassen und vor dem italienischem Druck zurückweichen. Aber bald hatte er auch Mussolini davon überzeugt, dass es ihm nur um friedliche Revision des Versailler Vertrags gehe, in dem der Anschluss Österreichs an das Reich gegen den Willen des österreichischen Volkes untersagt worden war.

    Was Hitler bei den Westmächten durch geschickte Nutzung des schlechten Gewissens vor allem der Briten gelang, das erreichte er bei Mussolini durch indirekte Unterstützung seiner Großmachtpläne. Als Italien 1935 Abessinien annektierte, schloss er sich nicht den Sanktionen an, die der Völkerbund über Italien verhängte. "Wir werden das niemals vergessen", sagte Mussolini in seiner Rede vom 28.9.1937 auf dem Maifeld in Berlin, in der er auch den Begriff "Achse Berlin-Rom" aufgriff. Von ihm war kein Widerstand mehr gegen Hitlers Österreich-Pläne zu erwarten. Und auch England schaute wohlwollend zu. Das Hilfeersuchen des österreichischen Kanzlers Schuschnigg lehnte London kühl ab. Und so wurde es ein "Blumenkrieg", als im Morgengrauen des 12.3.1938 deutsche Truppen in Österreich einrückten. Unbeschreiblicher Jubel brandete Hitler wenige Stunden später bei seinem Einzug in Linz entgegen. Kein Zweifel, hier war eine längst überfällige Korrektur des Versailler Systems vorgenommen worden.

    Ganz so deutlich war das beim nächsten Schritt nicht, und beinahe hätte Hitler bereits jetzt sein wahres, sein kriegerisches Gesicht gezeigt: Mit allen Mitteln schürte er die Sudetenkrise. Aber auch hier konnte er sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker stützen und schließlich auf der Münchener Konferenz am 29.9.1938 England und damit auch Frankreich von der Berechtigung seiner Forderungen überzeugen. Die fest eingeplante militärische Aktion gegen die Tschechoslowakei fiel somit aus. Am 1.10.1938 rückte die Wehrmacht ins Sudetenland ein. Hitler verkündete, er habe keinerlei territoriale Forderungen mehr, und Englands Premier Chamberlain feierte den Erfolg von München: Die Konferenz bedeute "Frieden für unsere Zeit". Hitler stand vor der Welt und seinem Volk wirklich als Friedenskanzler da, wie er es unermüdlich versichert hatte. Und doch gab es genügend Anzeichen dafür, dass Frieden nur die taktische Maske für seine tatsächlichen Absichten war. Wer wollte, konnte sie unschwer erraten. Die meisten wollten aber nicht, zu ihnen gehörte auch Englands Regierungschef Chamberlain.

    Sein Rivale und spätere Kriegspremier Churchill dagegen machte sich keine Illusionen, als er das Münchener Abkommen kritisierte: "1 Pfund Sterling wurde mit vorgehaltener Pistole gefordert. Als man es hergab, wurden 2 Pfund Sterling mit vorgehaltener Pistole verlangt. Schließlich fand sich der Diktator bereit, 1 Pfund, 17 Shilling und Sixpence zu nehmen und den Rest in Gestalt eines Wechsels auf künftigen guten Willen ... Wir stehen einem Unheil erster Ordnung gegenüber." Und er setzte hinzu: "Niemals kann es Freundschaft geben zwischen der britischen Demokratie und der Nazimacht, die die christliche Ethik mit Füßen tritt, sich an einem barbarischen Heidentum berauscht, sich ihrer Eroberungssucht rühmt, Kraft und perverse Lust aus Verfolgungen schöpft und mit unbarmherziger Brutalität sich der Drohung mörderischer Gewalt bedient."

    Churchill hatte die aggressive, imperialistische Grundhaltung des Nationalsozialismus klar durchschaut. Eine Grundhaltung, aus der Hitler bereits in seinem Bekenntnisbuch "Mein Kampf" kein Hehl gemacht hatte. Nach der Devise "Deutschland wird entweder Weltmacht oder gar nicht sein" formulierte er seine Ziele: "Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir ... gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm untertanen Randstaaten denken." Über die Methoden dieses Bodenerwerbs ließ er keinen Zweifel: "So wie unsere Vorfahren den Boden, auf dem wir heute leben, nicht vom Himmel geschenkt erhielten, sondern durch Lebenseinsatz erkämpfen mussten, so wird auch uns in Zukunft den Boden und damit das Leben für unser Volk keine göttliche Gnade zuweisen, sondern nur die Gewalt eines siegreichen Schwertes." Wer solche Visionen als jugendliche Überspanntheiten abtat, täuschte sich gründlich. Schon vier Tage nach der Ernennung zum Reichskanzler sprach Hitler im selben Sinne zu Generälen der Reichswehr: "Ziel der Gesamtpolitik allein: Wiedergewinnung der politischen Macht ... Wie soll politische Macht, wenn sie gewonnen ist, gebraucht werden? Vielleicht Erkämpfung neuer Exportmöglichkeiten, vielleicht - und wohl besser - Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung."

    Das waren zwar geheime Reden, doch auch öffentlich dokumentierte der Nationalsozialismus seinen aggressiven Charakter. Eine Militarisierung zahlloser Lebensbereiche setzte ein, Kinder wurden uniformiert und paramilitärisch ausgebildet, und in einem Lied der SA gehörte dem Nationalszialismus heute Deutschland "und morgen die ganze Welt". Die Kriegsvorbereitung begann mit dem ersten Tag der Kanzlerschaft Hitlers. Musste im ersten Vierjahresplan noch alle Kraft der Überwindung der Wirtschaftskrise gewidmet werden, so wurde 1936 für den zweiten bereits die Erringung völliger Rohstoffunabhängigkeit gefordert. In einer geheimen Denkschrift dazu verlangte Hitler darüber hinaus "Maßnahmen für eine endgültige Lösung". Die sah er "in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes ... Ich stelle damit folgende Aufgaben: 1. Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein; 2. die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein." Und es wurde aufgerüstet ohne Rücksicht auf Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

    Die Schulden des Reiches wuchsen bis 1939 von 8,5 Milliarden RM auf 47,3 Milliarden RM. Der wirtschaftliche Aufschwung aber, nur zu einem Teil auf die Aufrüstung zurückzuführen, befriedete das Volk und steigerte die Leistungsfähigkeit.

    Die Produkte deutschen Rüstungsfleißes erwiesen sich als erstaunlich brauchbar. Das ergab ihr Test im Spanischen Bürgerkrieg. Hitler zeigte hier für alle Welt sichtbar, dass er seine neuen Waffen, die er durch die Revision des Vertrages von Versailles gewonnen hatte, auch zu nutzen gedachte. Der Sieg der Faschisten unter Franco war nicht zuletzt sein Sieg. Was von Hitlers Friedensbeteuerungen zu halten war, erfuhren die Oberbefehlshaber der drei Waffengattungen und Außenminister Neurath im Herbst 1937. Nach einer Niederschrift vom November 1937 des Oberst Hoßbach führte Hitler aus, dass er spätestens 1943 bis 1945 "die deutsche Raumfrage" lösen werde. Für die Lösung könne es "nur den Weg der Gewalt" geben. Die Militärs waren erschüttert. Es bildete sich um Generalstabschef Beck ein Widerstandskreis, der Fühlung mit den Westmächten aufnahm. Man forderte sie auf, in der Tschechenfrage hart zu bleiben. Schlüge Hitler dann los, würde man ihn verhaften und absetzen. Doch wie gesehen, zogen die Alliierten es vor, Hitlers Friedensbeteuerungen zu glauben. Das Münchner Abkommen entzog dem deutschen Widerstand den Boden.

    Hitler aber hielt unbeirrbar an seinem Lebensraumkonzept fest. In einer Geheimrede vor der deutschen Presse vom 10.11.1938 enthüllte er klar seine aggressiven Absichten: "Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die Freiheit zu erringen und die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung nötig war ... Es war nunmehr notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen." Hitler forderte die Mitarbeit der Presse bei der Aufgabe, "das Volk zu der Bereitschaft zu bringen, gerade zu stehen, auch wenn es zu blitzen und zu donnern beginnt".

    Im März 1939 blieb das Gewitter zwar noch einmal aus, doch jetzt mussten auch die Westmächte ihre Fehlkalkulation erkennen. Unter klarem Bruch des Münchener Abkommens besetzte die Wehrmacht auf fingiertes Hilfeersuchen hin die "Resttschechei". Erstmals wurde nichtdeutsche Gebiet annektiert. Die Errichtung des "Reichsprotektorats Böhmen und Mähren" führte am 31.3.39 in London zur Beendigung der Politik des Appeasement und zu einem Garantieversprechen an Polen, in dem man zu Recht Hitlers nächstes Aggressionsziel sah. Doch die britische Reaktion kam zu spät. Zu gründlich hatten die "verweichlichten Demokratien" Hitler davon überzeugt, dass sie doch nichts Entscheidendes tun würden. Als ihm dann das Bündnis mit Stalin am 23.8.39 den Rücken frei machte, hatte er "Polen in der Lage, in der ich es haben wollte". In einer Rede kam der wahre Hitler zu Wort: "Ich habe nur Angst, dass mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt." Doch dieses Missgeschick blieb ihm erspart. Am 31.8.1939 ließ er als Polen verkleidete SS-Männer den Sender Gleiwitz in Oberschlesien überfallen. Am Morgen darauf marschierte die Wehrmacht ins Nachbarland ein und löste damit einen Krieg aus, der schließlich die ganze Welt in Brand setzte.