V 1

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Die V 1 hatte eine Reichweite von 250 km.

    Abkürzung und Propagandabezeichnung für Vergeltungswaffe 1, die wie die V 2 zu den "Wunderwaffen" gehörte, die angeblich in letzter Minute die Kriegswende und damit den unablässig beschworenen "Endsieg" bringen sollten. Bei der V 1 handelte es sich um den unbemannten Flugkörper Fieseler Fi 103, der bei einem Gesamtgewicht von 2180 kg einen 850-kg-Gefechtskopf bis zu 370 km weit transportieren konnte. Ein Argus-AS-014-Staudruckrohr über dem Heck entwickelte 335 kp Schub für 480 bis 640 km/h des Stummelflügel-Geschosses. Der Kurs wurde mittels automatischem Kreiselkompass vorgegeben, den Absturz über dem Ziel löste ein propellergetriebenes Zählwerk durch Abschalten der Brennstoffzufuhr aus. Die Luftwaffe hatte die Flugbombe in Konkurrenz zur Heeresrakete A 4 (V 2) speziell zum Fernkampf gegen London entwickelt, Deckname "Kirschkern" oder Flakzielgerät FZG 76. Die Großserienproduktion verzögerte sich bis März 44; insgesamt wurden 30 329 Exemplare zum Stückpreis von 5060 RM gebaut. Erprobung und Einsatz der V 1 oblagen dem Flak-Regiment 155 (W) unter Oberst Wachtel, die Führung des Fernkampfs an der Kanalküste unterstand dem LXV. AK (Generalleutnant Heinemann).

    Am 12./13.6.44 wurde das Feuer auf London eröffnet, das den ganzen Sommer über unter Dauerbeschuss lag. Erst als die Alliierten die letzten Feuerstellungen in Nordfrankreich besetzt hatten, war die akute Gefahr für die britische Hauptstadt gebannt, doch blieb Südostengland noch bis Ende März 45 Ziel von V 1-Beschuss, z.B. beim Abwurf von 1776 Geschossen von Bombern des Typs He 111 aus, wobei 77 Maschinen verloren gingen. Von insgesamt 22 679 eingesetzten Flugbomben zielten 8839 auf London, 1052 versagten schon beim Start, viele gingen in offenem Gelände nieder, 1871 wurden Opfer britischer Jäger, 4061 wurden durch die Flak mit Hilfe eines neuen amerikanischen Annäherungszünders zur Strecke gebracht. Insgesamt wurden 5823 Einschläge in England gezählt. Seit Herbst 44 verlagerte sich der Schwerpunkt der V 1-Offensive auf Festlandziele: 11 988 Projektile wurden von Holland und der Eifel aus gegen Antwerpen und Lüttich abgefeuert und richteten beträchtliche Schäden an, hatten aber militärisch keinerlei Bedeutung mehr. Eine bemannte V 1-Version "Reichenberg" für Selbstaufopferungsflieger kam nicht mehr zum Einsatz.