Todesmärsche

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Sammelbezeichnung für die Evakuierungsmärsche aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern bei Herannahen der alliierten Truppen. Im Baltikum wurden bereits im Sommer 44 die östlich gelegenen Lager beim Vorrücken der Roten Armee geräumt und die Häftlinge in weiter westlich stationierte Lager oder sogar bis ins KZ Stutthof bei Danzig gebracht. Wie später die Regel, wurden schon auf diesen Märschen die Häftlinge erschossen, die das Marschtempo nicht mitzuhalten vermochten. Im Winter 44/45 wurden die Zustände während der Märsche bei von Trecks verstopften Straßen, mangelnder Versorgung, Eiseskälte u.a. immer chaotischer. Die Evakuierungen gingen auf einen Befehl des RSHA zurück, nach dem kein Häftling in Feindeshand fallen dürfe. Kranke und für den Marsch zu schwache Häftlinge seien daher zu liquidieren. Die Lagerkommandanten gaben den Befehl an die SS-Begleitmannschaften bei den Räumungen weiter. Zwar führten viele Kolonnen Leiterwagen oder andere Fahrzeuge mit, doch da fast alle Häftlinge völlig erschöpft und unzureichend bekleidet waren und zudem in zugigen Scheunen oder gar unter freiem Himmel übernachten mussten, konnten die Wagen sehr schnell keine Gehunfähigen mehr aufnehmen. Die Opferzahlen der Erschießungskommandos, zu denen sich viele SS-Männer freiwillig meldeten, stiegen daher mit der Dauer der Todesmärsche dramatisch an. So erreichten von 3200 Häftlingen des Auschwitzer Nebenlagers Jaworzno Mitte Januar 45 nur 1700 das erste Ziel Blechhammer, im KZ Groß Rosen kamen dann noch weniger an.

    Bei dem großen Todesmarsch Tausender Häftlinge am 19.1.45 von Auschwitz nach Gleiwitz hinderte die SS-Wachmannschaft Zivilisten daran, hungernden Häftlingen vom Straßenrand aus Nahrungsmittel zuzustecken. Vor dem Weitertransport von Gleiwitz wurden Kranke und Schwache erschossen, die anderen zogen weiter über Hotzenplotz, Langenbielau, Reichenbach, das Eulen- und Riesengebirge entlang ebenfalls nach Groß Rosen, das nur noch ein Teil der Häftlinge erreichte. Im Nebenlager Lieberose des KZ Sachsenhausen wurden im Februar 45 kurz nach dem Abmarsch der Häftlinge ins Hauptlager 1200 Kranke und Schwache getötet, wer auf dem Marsch selbst "schlapp" machte, erlitt dasselbe Schicksal (Vermerk "Herzschlag" oder "auf der Flucht erschossen"). Ein Teil der Häftlinge des Hauptlagers Sachsenhausen wurde im April 45 von der Halbinsel Hela in Schleppkähnen über See evakuiert. Beim Beladen der Schiffe entstand ein Chaos, bei dem zahlreiche Häftlinge erschossen wurden. Viele Kranke wurden noch an Bord ausgesondert und "erledigt". Bei der Ankunft der Schiffe im Mai 45 in der Neustädter Bucht fanden die Häftlinge auf den dort liegenden bereits völlig überfüllten KZ-Schiffen wie der Cap Arcona keinen Platz mehr. Daher versuchten viele, sich an den Strand treiben zu lassen, wo sie aber von SS-Männern erschossen wurden.

    Es kam auf allen Todesmärschen aus den KZ zu Massakern, wobei wie etwa bei der Evakuierung des Nebenlagers Kelbra des KZ Mittelbau nach Ludwigslust erschöpfte Häftlinge kurzerhand erschlagen wurden. Versuchten Kameraden die Kranken mitzuschleppen, entrissen ihnen die Wachen die Schutzsuchenden und brachten sie am Wegrand um; so geschehen z.B. auf dem Todesmarsch des Neuengammer Nebenlagers Hannover-Mühlenberg im April 45 nach Bergen-Belsen. Bei einem Todesmarsch des Nebenlagers Wöbbelin und anderer Nebenlager von Mittelbau wurden ganze Häftlingsgruppen in eine Scheune bei Gardelegen gesperrt, die SS-Begleitmannschaften anschließend in Brand setzten, wobei über tausend Häftlinge verbrannten oder beim Versuch, den Flammen zu entkommen, erschossen wurden. Durch ganz Deutschland zogen in den letzten Kriegswochen die Kolonnen der Todesmärsche, auf denen noch einmal Zehntausende umkamen. Die ohnedies horrenden Opferzahlen des nationalsozialistischen Terrors erreichten neue Rekordhöhen, da selbst lebend in den Ziellagern angekommene Häftlinge dort den vorangegangenen Strapazen erlagen. Noch nach der Befreiung etwa von Bergen-Belsen starben trotz sofort eingeleiteter britischer Hilfe 13 000 Menschen in den folgenden Wochen.