Sitzkrieg

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Sitzkrieg. Französische Soldaten vertreiben sich die Zeit beim Kartenspiel.

    Bezeichnung für die nahezu kampflose Kriegsphase an der deutschen Westfront nach der britisch-französischen Kriegserklärung vom 3.9.39 und dem deutschen Angriff im Westen am 10.5.40. Dem Sitzkrieg entsprach auf englischer Seite die Bezeichnung "phoney war" (Scheinkrieg), die wohl durch Hörfehler als "funny war" zur französischen Bezeichnung "drôle de guerre" (komischer Krieg, oder in Reimübersetzung: Witzkrieg) führte, denn für die Millionen Soldaten und ihre Familien hatte der Sitzkrieg im harten Winter 39/40 trotz der relativen Ruhe wenig Heiteres. Nachdem die Westmächte Friedensvorschläge auf der Basis der in Polen geschaffenen vollendeten Tatsachen im Oktober 39 zurückgewiesen hatten, plante Hitler die umgehende Fortsetzung des Kampfes im Westen, da die Zeit für die Gegner arbeitete. Er musste den Angriffsbeginn jedoch 29-mal verschieben, zunächst aus Gründen der schlechten Witterung, dann wegen des Mecheln-Zwischenfalls und schließlich wegen des Unternehmens "Weserübung" zur Besetzung Norwegens und Dänemarks. Die in ihrer Defensivstrategie hinter der Maginot-Linie verharrenden Franzosen hatten die Chance zum Angriff während der Kämpfe in Polen verstreichen lassen, da sie auf einen Abnutzungskrieg setzten und daher die volle britische Mobilisierung abwarten und ihren Nachholbedarf v.a. bei der Ausrüstung ihrer Luft- und Panzerwaffe decken wollten. Man hoffte, dass schließlich die enormen Ressourcen der britischen und französischen Kolonien den Ausschlag in einem Krieg geben würden, den London wie 1914 bis 1918 mit einer Blockade der Nordsee begann. Eine umfassende Luftoffensive sollte zudem das rohstoffarme Deutsche Reich in die Knie zwingen.

    Die Atempause des Sitzkrieges wurde von beiden Seiten fieberhaft zur militärischen Verstärkung und diplomatischen Flankierung genutzt. Mit einem Zusatzabkommen zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23.8.39 über Rohstofflieferungen konnte Hitler die britischen Blockadepläne zunächst weitgehend unterlaufen und nahm dafür die Bolschewisierung der Baltischen Staaten in Kauf sowie die finnische Niederlage im Winterkrieg gegen die Rote Armee. Mit dem Sprung nach Narvik sicherte er zudem den Erznachschub. Die Westmächte dagegen suchten Anlehnung an die USA, die ihre strikte Neutralitätspolitik lockerten. Vergeblich hingegen blieb der Versuch, Belgien ins Bündnis zu integrieren, da Brüssel eine Provokation Hitlers um jeden Preis vermeiden wollte. Auch die Koordinierung der britischen und französischen Kriegsanstrengungen brachte Reibungen. Zwar einigte man sich auf einen Oberbefehlshaber zu Lande (Gamelin), verteilte die Aufgaben für die Flotten und traf wirtschaftliche Absprachen, doch einen gemeinsamen Generalstab bildete man nicht. Verbittert reagierten zudem viele Franzosen auf das geringe personelle britische Engagement auf dem Kontinent. Mit zunächst nur 200 000 Mann erreichten die British Expeditionary Forces (BEF) nur 20% der Stärke im 1. Weltkrieg; auch hielt London seine schlagkräftige Jagdwaffe weitgehend zur Verteidigung der Insel zurück. Die deutsche Propaganda, unterstützt durch Zersetzungstätigkeit der vom verbündeten Moskau gesteuerten französischen Kommunisten, nutzte den schwelenden Groll geschickt aus ("Die Briten kämpfen bis zum letzten Franzosen"). Der Sitzkrieg unterminierte so die Schlagkraft der französischen Armee, die bis dahin als stärkste Europas galt. Britische Versuche, u.a. über den Vatikan Möglichkeiten einer Beilegung des Konflikts z.B. durch den Sturz der nationalsozialistischen Regierung mit Hilfe der deutschen Opposition zu erkunden, zeigten, dass die öffentlich verkündete Abkehr vom Appeasement so vorbehaltlos nicht war. So blieb es selbst in der Luft meist beim Abwurf von Flugblättern und nur zur See kam es zu Kampfhandlungen größeren Ausmaßes u.a. bei dem Gefecht vor dem Rio de la Plata (Admiral Graf Spee) oder beim Angriff von U 47 auf die Home Fleet in Scapa Flow. Die mangelnde Entschlossenheit führte auch zur Niederlage gegen die deutsche Kriegsmarine beim Wettlauf um das Erz und ließ zahlreiche Pläne scheitern: Weder konnten sich die Westmächte auf eine aktive Unterstützung Finnlands gegen die UdSSR einigen, noch ließ sich die vorgesehene Bombardierung der für den deutschen Nachschub wichtigen sowjetischen Ölfelder bei Baku von Syrien aus realisieren. Auch der Aufbau einer Front auf dem Balkan scheiterte. So wurde Hitler der Vorteil der Überraschung und der Initiative überlassen, gegen die sich der erst nach Angriffsbeginn realisierbare Dijle-Plan als das denkbar schlechteste Rezept erweisen sollte. Der lange Sitzkrieg schuf damit die Voraussetzung für einen weiteren erfolgreichen deutschen Blitzkrieg.