Sanitätswesen der Wehrmacht (Thema)

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Das Sanitätswesen der Wehrmacht war mit einem sehr hohen Anspruch in den Krieg eingetreten. Man glaubte, durch weitblickende und gründliche Friedensarbeit das Sanitätswesen auf einen denkbar hohen Stand gebracht zu haben. Der Kriegssanitätsdienst sollte dies beweisen. Obwohl kein Zweifel daran bestehen kann, dass an allen Fronten Außerordentliches geleistet worden ist, konnte dieser Beweis nicht erbracht werden. Der Krieg kostete das Deutsche Reich 3,25 Millionen tote oder als tot geltende Wehrmachtsangehörige. In den Lazaretten der Wehrmachtteile wurden insgesamt 5,24 Millionen Verwundete und Kranke betreut. Die Gründe für diese Verluste lagen nicht zuletzt bei der im Verlauf des Krieges immer geringer werdenden Effektivität des Sanitätswesens, die durch die Dimensionen des Krieges bestimmt war.

    In der Wehrmacht hatten Heer, Luftwaffe und Marine ihr eigenes Sanitätswesen. Die Leitung der Sanitätsdienste des Heeres lag in der Hand des Heeressanitätsinspekteurs. Er verfügte über Einrichtungen für Ausbildung, Forschung und Versorgung. Für den Sanitätsoffiziersnachwuchs war eine eigene Militärärztliche Akademie zuständig. Der Sanitätsinspekteur war Vorgesetzter des Heeresarztes, der vom Stab des Generalquartiermeisters aus für jeden Kriegsschauplatz den Einsatz des erforderlichen Sanitätspersonals und -materials sowie den Abschub der Verwundeten in die nach rückwärts gestaffelten Sanitätseinrichtungen regelte. Ihm unterstanden die Heeresgruppenärzte sowie fünf leitende Sanitätsoffiziere in Frankreich, Belgien, Ostland, Ukraine und Rumänien. Die Heeresgruppenärzte verfügten über Kriegslazarette, Krankentransportverbände, Sanitätsparks und Einrichtungen für medizinische Forschung, die sie bei Bedarf den unterstellten Armeeärzten zur Verfügung stellten. Diese besaßen zusätzlich eigene Sanitätstruppen, die im rückwärtigen Frontbereich eingesetzt bzw. den Korpsärzten und den Divisionen zur Unterstützung beigegeben wurden.

    Die wichtigsten Sanitätseinrichtungen der Armee waren das Kriegslazarett, das mit seiner Ausstattung in der Lage war, ca. 500 Schwerkranke und -verwundete aufzunehmen, und das Leichtkranken-Kriegslazarett. Die Kriegslazarette wurden zeitweilig auf eine Kapazität von 2500 Betten erweitert. Sie bildeten die höchste und letzte Behandlungsebene im außerdeutschen Gebiet. Zur Armee gehörte auch eine Gruppe beratender Ärzte, bestehend aus drei Chirurgen mit Hilfsärzten und je einem Facharzt für innere Krankheiten, Psychiatrie, Hygiene, Pathologie und Bakteriologie. Für den Abtransport von Verwundeten war in Vorbereitung auf einen "Bewegungskrieg" eine Abschubkette aufgebaut worden, die vom Verwundetennest über den Truppen- zum Hauptverbandplatz, von dort über das Feld- und Kriegslazarett schließlich zum Reservelazarett in der Heimat führte. Es waren Krankenkraftwagen entwickelt worden, die in Formationen zusammengefasst im Zusammenspiel mit Eisenbahnlazarettzügen, Leichtverwundetenzügen, Lazarettschiffen, Schiffs- und Lufttransporten diese Aufgabe erfüllten.

    Im Frontbereich wurde nach der Selbsthilfe des Soldaten die erste und damit wichtigste medizinische Hilfe durch das Sanitätspersonal des Bataillons und die Sanitätstruppen der Divisionen geleistet. Der Truppenarzt des Bataillons war mit seinem Truppenverbandplatz die unterste Ebene ärztlicher Versorgung. Die Divisionen besaßen durchschnittlich zwei Sanitätskompanien, eine Krankenkraftwagenkompanie und ein Feldlazarett. Die Sanitätskompanien betrieben vier bis fünf Kilometer hinter der Front in stetem Wechsel den Hauptverbandplatz. Zwei Chirurgenteams leisteten jede Art von dringender chirurgischer Hilfe mit dem Hauptziel, die Transportfähigkeit des Verwundeten herzustellen. Zwei Zahnärzte stellten im Hauptverbandplatz auch die zahnärztliche Versorgung sicher; eine Feldapotheke hielt die notwendigen Medikamente bereit. Das von der Division betriebene Feldlazarett lag etwa zehn bis 15 Kilometer hinter der Front, hatte 200 Betten und ermöglichte in mehreren großen Operationsräumen und mit fachspezifischer Diagnostik und Therapie ärztliche Hilfe auf der Ebene eines guten Kreiskrankenhauses.

    Parallel zu dieser Organisation des Heeres - und auf den gleichen Kriegsschauplätzen tätig - war das Sanitätswesen der Luftwaffe eingerichtet worden. Beim Aufbau der Luftwaffe 1933 wurde es zunächst auch vom Heeressanitätsinspekteur gesteuert. Über eine Medizinalabteilung im Reichsluftfahrtministerium und die "Inspektion des Sanitätswesens" entwickelte sich die Position des "Chefs des Sanitätswesens der Luftwaffe". Die ersten Sanitätsoffiziere kamen vom Heer und von der Marine. Sie wurden als Flieger ausgebildet und in die wissenschaftlichen Fragen der Luftfahrtmedizin eingeführt. Zur Weiterentwicklung dieser neuen medizinischen Fachrichtung gründete die Luftwaffe eigene Forschungsinstitute und übernahm die fachliche Steuerung entsprechender ziviler Einrichtungen. Für den Nachwuchs, der zunächst auch an der Militärärztlichen Akademie des Heeres ausgebildet worden war, wurde eine eigene Ärztliche Akademie der Luftwaffe eingerichtet. Die Führung dieser Sanitätsdienste, die sich in ihrer Struktur denen des Heeres angepasst hatten, oblag den Luftflottenärzten und den diesen unterstellten Luftgauärzten. Der Luftwaffensanitätsdienst hatte zur Durchführung seiner Aufgaben neue Einsatzformen entwickelt, z.B. die Luftwaffensanitätsbereitschaft (motorisiert), die mit vier Fachchirurgen auch für die großen chirurgischen Operationen ausgerüstet war. Später ergänzten Internisten die Chirurgenteams, sodass diese Einrichtung 100 bis 150 Verwundete und Kranke behandeln und pflegen konnte. Die volle Motorisierung der Sanitätstruppen erlaubte eine Zusammenarbeit mit den kämpfenden Luftwaffenverbänden. Um diese Mobilität zu erhalten, waren zunächst keine Feldlazarette geplant. Die Erfordernisse brachten es indessen mit sich, Feldlazarette in Baracken mit Kapazitäten von 300 bis 600 Betten zu schaffen. Die Lazarette wurden auch von den Luftwaffensanitätsbereitschaften (motorisiert) betrieben. Diese waren von ihrer Ausrüstung her in der Lage, sowohl Feld- und Ortslazarette als auch Hauptverbandplätze einzurichten.

    Die wichtigste Neuerung im Sanitätswesen der Luftwaffe war die Einrichtung der "Sanitätsflugbereitschaft". Sie bestand aus fünf bis sechs Ju 52, die je zwölf auf Tragen liegende und vier sitzende Verwundete transportieren konnten. Als Zubringerflugzeuge von der Front zum Flugplatz dienten je vier "Fieseler Storch". Jedes dieser Flugzeuge konnte zwei Verwundete aufnehmen. Des Weiteren wurden Lufttransportverbände zur Rückführung Verwundeter eingesetzt, die sich sehr bewährten. Zur Rettung von Flugzeugbesatzungen, die auf See niedergegangen waren, schuf die Luftwaffe den Seenotrettungsdienst. Die Seenotkommandos verfügten mit den Flugzeugen He 59, Do 18 und 24 sowie verschiedenen Seefahrzeugen über für diese Zwecke gut geeignetes Material. Die Flugzeuge waren zunächst mit einer Rot-Kreuz-Kennung versehen, die von Gegnern jedoch nicht anerkannt und daher wieder aufgegeben wurde. Die Einführung der Fallschirmtruppe brachte dem Sanitätsdienst eine weitere Neuerung. Die Sanitätskorps der Fallschirmtruppe wurden als Absprungeinheit aufgestellt, die den mit abspringenden Truppenärzten nachfolgten.

    Der Sanitätsdienst der Marine hatte sich bereits vor dem 1. Weltkrieg verselbständigt. Der Chef des Marinesanitätswesens war in Personalunion Chef des Marinemedizinalsamtes im OKM. Ihm unterstanden fachlich das Sanitätsamt Ostsee (Kiel) und Nordsee (Wilhelmshaven). Die schwimmenden Kampfeinheiten verfügten auf großen Schiffen über ein Bordlazarett und eigene Ärzte, auf kleineren hingegen nur über Sanitätskisten, die fast nur Verbandsmaterial enthielten. Für den Kranken- und Verwundetentransport über See gab es zehn große Lazarettschiffe mit je 600 Betten, 25 kleinere mit je 350 bis 400 Betten und 35 Verwundetentransportschiffe. Von den Lazarettschiffen gingen beinahe die Hälfte der großen und der kleinen durch Kriegseinwirkung verloren. Bei den Verwundetentransportschiffen betrug die Verlustquote 25%, wodurch deutlich wird, dass sich nicht alle Kriegsgegner an die auch auf den Seekrieg ausgedehnte Genfer Konvention hielten.

    Die Waffen-SS hatte ebenfalls einen eigenen Sanitätsdienst, der im Aufbau an den des Heeres angelehnt war.

    Am 28.7.1942 wurde zur Steigerung der Effektivität der nebeneinander arbeitenden Sanitätsdienste die Dienststelle des Chefs des Wehrmachtssanitätsdienstes geschaffen. Er sollte alle Aufgaben auf dem Gebiet des Sanitätswesens zusammenfassen, die personellen und materiellen Kräfte erfassen und planvoll und gerecht auf die Wehrmachtteile verteilen. Diese Aufgabe war dem Heeressanitätsinspekteur zusätzlich übertragen worden, allerdings ohne Befehlsgewalt über die einzelnen Sanitätsdienste. Diese Personalunion wurde zwar am 1.9.1944 aufgehoben, aber auch der dann selbständig arbeitende Chef des Wehrmachtsanitätsdienstes erhielt nur im Rahmen seiner fachlichen Aufgaben Befehlsbefugnisse; nach wie vor lehnten sowohl die Marine als auch die Luftwaffe eine volle Unterstellung ihrer Sanitätsdienste ab. Trotz der Schaffung dieser zentralen Einrichtung wurde eine wesentliche Verbesserung des Sanitätswesens nicht erreicht.

    Im Verlauf des Krieges lassen sich drei Phasen unterscheiden, die den Sanitätsdienst vor unterschiedliche Probleme stellten:

    1) "Bewegungskriege" der Jahre 1939-41. Im Mitgehen mit rasch vorwärts drängenden Truppenverbänden und beim Anfall eher konventioneller medizinischer Probleme sowohl beim Heer als auch bei Luftwaffe und Marine bewältigten die Sanitätsdienste ihre Aufgaben noch recht gut. Aber schon im Polenfeldzug sah man sich einigen unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass die mit Pferden bespannte Sanitätskompanie für den Bewegungskrieg denkbar ungeeignet war, weil sie den schnellen Truppen nicht folgen konnte und so selten zum Einsatz kam.

    Neben Verwundungen führten Krankheiten auf dem Gebiet der inneren Medizin zu hohen Ausfällen. Es musste eine Ruhrepidemie bekämpft werden, die unmittelbar nach dem Vorstoß auf polnisches Gebiet ausbrach und bis zu 50 % der Ist-Stärke der kämpfenden Truppe traf. Als problemlos und erfolgreich erwies sich dagegen das System des Abtransports der Verwundeten. Durch den in stetem Wechsel erfolgenden Einsatz der Krankentransportkompanien konnten die Verwundeten rasch in die rückwärts gelegenen Sanitätseinrichtungen gelangen, wenngleich z.B. die Lazarettzüge wegen der Zerstörung von Gleisen und Brücken erst gegen Ende der Kampfhandlungen eingesetzt werden konnten.

    Bei der Besetzung Dänemarks und Norwegens hatte der deutsche Sanitätsdienst in Norwegen mit den erstmals in großer Zahl auftretenden Erfrierungen Schwierigkeiten, die mit bis zu 40 % einen bedeutenden Anteil an der Wundversorgung hatten. Im Frankreichfeldzug konnte der Sanitätsdienst die bisher gemachten Erfahrungen bereits nutzen. Dazu zählte insbesondere, dass die Korpsärzte, die bisher über keine eigenen Sanitätstruppen verfügten, nun mit einer Sanitätskompanie sowie Krankentransportkapazität und teilweise auch Feldlazaretten ausgestattet wurden, weil man erkannt hatte, dass auf dieser Kommandoebene deren Einsatz besser gesteuert werden konnte. Im besetzten Frankreich wurde der Erhaltung der Gesundheit sowohl der Truppe als auch der Zivilbevölkerung große Sorgfalt gewidmet, um jedwede Seuchengefahr abzuwenden. Auf dem Gebiet der Geschlechtskrankheiten gelang dies jedoch nicht. Erst in der Zeit von 1942-44 konnte ein allgemeiner Rückgang der Geschlechtskrankheiten bei der Truppe verzeichnet werden.

    Der Krieg in Nordafrika konfrontierte den Sanitätsdienst mit wesentlich größeren Problemen. Die Besonderheiten des Kriegsschauplatzes führten zu einem Krankenstand, der die Zahl der Verwundeten um das sechsfache übertraf. Das tropische Klima, die Einöde und Trostlosigkeit der Wüste wirkten sich, zusammen mit durch Transport- und Nachschubprobleme verursachtem Wassermangel und damit einhergehender ungenügender Verpflegung, auf die gesundheitliche Verfassung des Deutschen Afrikakorps verheerend aus und stellten die Sanitätsdienste vor schier unlösbare Aufgaben. Das gehäufte Auftreten von Ruhr, Diphtherie und Gelbsucht sowie die vielfältigen Geschwüre, die in tropischer Hitze an den unbekleideten Unterschenkeln entstanden, führten zu einem hohen Krankenstand. Aufgrund dieser außergewöhnlichen gesundheitlichen Belastungen für die Truppe erreichte die Anzahl der Sanitätsformationen nie einen befriedigenden Stand. Auch der am 6.4.1941 hinzugekommene Kriegsschauplatz Balkan brachte unerwartete Schwierigkeiten. Er forderte zwar keine allzu hohen Verluste, sieht man von den 49 % der Fallschirmjäger bei der Eroberung Kretas ab, doch der Abtransport der Verwundeten gestaltete sich schwierig. Das gebirgige Gelände auf dem Balkan und auf Kreta zwang zu äußerst strapaziösen Tragemärschen. Nur dort, wo Lufttransport möglich war, waren die Verwundeten besser wegzuschaffen. Schnee, Schlamm und Kälte wie Hitze führten zusätzlich zu allgemeinen Erkrankungen. Zahlreiche Sümpfe zwischen den Bergen Makedoniens und die Feuchtgebiete der Flussniederungen waren Brutstätten der Malaria und anderer Fieberkrankheiten, hier besonders des Pappataci-Fiebers, das - wie die Malaria - durch Mücken übertragen zu hohen Krankenzahlen führte, insgesamt aber glimpflich verlief. Neben diesen für den Balkan typischen Krankheiten kannte man auch die Gefahr der Erkrankung an Typhus und Ruhr. Die Prophylaxe gegen Typhus mit entsprechendem Serum erwies sich glücklicherweise als ausreichend, doch die Ruhr, die zwei Drittel der Truppe erreichte, konnte nur durch die danach erlangte Immunität unter Kontrolle gebracht werden.

    In den ersten Monaten des Russlandfeldzuges sahen sich die Sanitätsdienste ähnlichen Gegebenheiten wie im bisherigen Bewegungskrieg gegenüber. Dann nahmen die deutschen Verluste zu und der Vormarsch an allen Frontabschnitten kam zum Stehen. Nun wirkten sich die durch große Entfernungen, den herbstlichen Schlamm und den dann folgenden Winter mit Schnee und bis zu -57 Grad Celsius reichenden Kältegraden erschwerten Transportverhältnisse äußerst nachteilig auf die Leistungsfähigkeit der Sanitätsdienste aus. Mit massenhaften Erfrierungen aller Grade und anschließenden Komplikationen waren mancherorts die Verbandplätze mehr belastet als mit der Versorgung der Verwundeten.

    2) Der wachsende Widerstand der Roten Armee seit der Jahreswende 1941/42, der mit sich steigernder Feuerkraft insbesondere der Artillerie und Raketeneinheiten einherging, ließ die Zahl der Verwundeten und hier auffallend der Schwerverletzten in die Höhe schnellen, sodass deren angemessene Versorgung immer weniger möglich war. Auch der Abtransport der Verwundeten in die rückwärtigen Gebiete und ins Reich wurde durch die schon erwähnten Schwierigkeiten, die der Winter aufwarf, aber auch durch die wachsende Partisanentätigkeit zunehmend erschwert, wenngleich die Luftwaffe mit ihren Sanitätsflugzeugen und der Transportflotte Entlastung brachte. Mit Beginn der folgenden sowjetischen Offensiven gingen darüber hinaus viele der vordersten Sanitätseinrichtungen im Strudel der Absetzbewegungen verloren. Beginnend im Mittelabschnitt im Raum Kursk gelangen den Sowjets seit Sommer 1943 so tiefe Einbrüche, dass auch die weit zurückliegenden Kriegslazarette geräumt werden mussten.

    Auch das System der Verteilung der Verwundeten nach medizinischen Gesichtspunkten versagte nun zunehmend, wodurch die Transportsterblichkeit stieg. Die hygienischen Verhältnisse litten ebenfalls zwangsläufig und führten zum Ausbruch von Epidemien, unter denen das Fleckfieber eine zentrale Stellung einnahm. Die durch die extreme Verlausung der Truppe vornehmlich im Winter grassierende Seuche konnte nie unter Kontrolle gebracht werden. Die Bereitstellung von Entlausungsanlagen führte nicht zum angestrebten Erfolg. Die Impfungen konnten die Erwartungen nur eingeschränkt erfüllen. Die Letalität nach einer Infektion war mit bis zu 30 % zunächst sehr hoch und konnte nur allmählich bis Kriegsende auf fünf bis sechs Prozent gesenkt werden. Insgesamt wurden aber vom Fleckfieber nicht mehr Soldaten erfasst als von anderen Krankheiten; das Fleckfieber war nur gefährlicher. Doch auch massenhaft an Typhus, Gelbsucht, Kriegsnephritis, Wolhynischem Fieber, Tularämie und Diphtherie Erkrankte stellten an die Sanitätsdienste hohe Anforderungen bzw. stellten eine große Belastung dar. Bei den Bemühungen um Abhilfe zogen die Mediziner KZ-Häftlinge heran und erprobten an ihnen Sulfonamide bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten, führten Knochentransplantationen bei auftretenden Phlegmonen durch und schreckten auch nicht vor Unterdruck- und Unterkühlungsversuchen zurück, die der Erforschung des Sauerstoffmangelproblems in großen Höhen und der Wiederbelebung unterkühlter Schiffbrüchiger dienten. Bei diesen meist qualvollen verbrecherischen Menschenversuchen wurde selbst der Tod der Opfer nicht selten billigend in Kauf genommen.

    Bei der Luftwaffe und Marine hatte man es überwiegend mit anders gearteten Verwundungen und Erkrankungen zu tun. Die Behandlung der Verwundungen beim fliegenden Personal, die durch Abschuss, Unfälle, Bruch- und Notlandungen verursacht wurden, lag vielfach im Bereich der plastischen und der Gehirnchirurgie. Bei der Marine ergaben sich hauptsächlich Verwundungen als Folge von Artillerie-, Fliegerbomben- und MG-Treffern, ferner von Torpedo- und Minendetonationen, nicht zu vergessen die Folgen von Verbrennungen aller Art. Während durch Waffenwirkung Splitterwunden, Durch- und Steckschüsse entstanden, führten Minen und Torpedos bei der Detonation zu Stauchungen der Wirbelsäule und Frakturen der Extremitäten. Beim Abbrennen von Kartuschen waren Rauchvergiftungen und Verbrennungen, bei ausströmendem Dampf in den Maschinenräumen Verbrühungen die unvermeidlich Folgen. Das Verschlucken treibenden Öls durch Schiffbrüchige rief schwere Vergiftungen im Magen- und Darmtrakt hervor.

    3) Die Zeit der Abwehrkämpfe 1944/45 vergrößerte die Probleme der Sanitätsdienste. Die Zahl der Toten und Verwundeten war während dieser Phase größer als in den vorangegangenen Kriegsjahren zusammen. Die vorgeplante und die provisorisch erstellte Infrastruktur des Sanitätswesens im Reich und in den besetzten Gebieten brach allmählich zusammen. Hauptgründe waren die Auswirkungen des Bombenkrieges und die Tatsache, dass der Ring um Deutschland immer enger wurde. Die damit verbundenen Versorgungs- und Transportprobleme wirkten sich auf die Überlebenschancen der Verwundeten besonders nachteilig aus. Die Chirurgen waren in dieser Zeit hoffnungslos überfordert. Oft musste ohne größere Pause zwei bis drei Tage lang operiert werden. Erfahrungswerte zeigten, dass eine Chirurgengruppe (zwei Ärzte) in 24 Stunden 30 Schwer-, 60 Mittelschwer- oder 120 Leichtverwundete operieren konnte. Bei allen Behandlungen wurde größter Wert auf die Verwendung von Blutersatzflüssigkeiten gelegt (Tutofusin, Periston). Antibiotika standen nicht zur Verfügung; auf diesem Gebiet war die Forschung in Deutschland einen anderen Weg gegangen (Sulfonamidtherapie).