Mittelmeer

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    (Mittelländisches Meer), Binnenmeer zwischen Afrika/Vorderasien und Europa, rund 2,5 Millionen km², mit Verbindung zum Atlantik durch die Straße von Gibraltar, zum Schwarzen Meer durch den Bosporus und zum Roten Meer durch den Suezkanal (seit 1869); wegen stark zerklüfteter Küstengliederung mehrere Nebenmeere wie Adria oder Ägäis und zahlreiche Inseln. Das Mittelmeer spielte in den deutschen Plänen vor und zu Beginn des Kriegs kaum eine Rolle, zumal zunächst das verbündete Italien dem Kampf fernblieb. Auch Großbritannien hatte für den Konfliktfall kaum vorgedacht, da man mit einer baldigen Unterbrechung des Seewegs durch die starke italienische Flotte rechnen musste und mit der zwar sehr langen, aber relativ sicheren Kaproute über eine Ausweichmöglichkeit für die Transporte von und nach Fernost verfügte. Erst durch die Koordinierung mit den französischen Planungen wurde eine Kriegführung im Mittelmeer ins Auge gefasst, da die Verbindungen zu Französischnordafrika für den Bundesgenossen lebenswichtig waren.

    Mit dem Kriegseintritt Italiens (10.6.40) wurde das Mittelmeer, das Mussolini in der faschistischen Propaganda schon vor der Annexion Albaniens (April 39) zum "mare nostro" (unser Meer) erklärt hatte, Kampfgebiet. Obwohl kurz danach Frankreich kapitulierte, hielt London nun an der Mittelmeerstrategie fest, um die italienischen Kräfte zu binden und Möglichkeiten zum Eingreifen auf dem Kontinent offen zu halten. Das ohnehin wenig günstige Kräfteverhältnis zur italienischen Flotte drohte jedoch durch das Hinzutreten von Einheiten des besiegten Frankreich vollends hoffnungslos zu werden. Daher kam es zum Entschluss des britischen Kriegskabinetts, die in Mers el-Kebir liegenden französischen Kriegsschiffe am 3.7.40 anzugreifen. Die Neutralisierung des in Alexandria ankernden französischen Geschwaders gelang kampflos. Damit behielt die Royal Navy die Initiative im Mittelmeer, zumal die italienische Flotte jedes Risiko scheute. Sie sollte geschont werden für den "Parallelkrieg", den Mussolini mit dem Angriff auf Ägypten (13.9.40) und Griechenland (28.10.40) entfesselte. Das völlige Fiasko beider Feldzüge jedoch zwang die Wehrmacht, wegen der Bedrohung der Südflanke einzugreifen: Das X. Fliegerkorps verlegte nach Sizilien, das Deutsche Afrikakorps nach Libyen, Griechenland und Jugoslawien wurden im April/Mai 41 überrannt und die Briten zum zweiten Mal vom Kontinent und wenig später auch von der Mittelmeerinsel Kreta vertrieben, wobei die britische Mittelmeerflotte erhebliche Verluste hatte. Die deutsche Kriegsmarine musste 24 U-Boote und zahlreiche kleine Überwassereinheiten ins Mittelmeer entsenden, da die italienische Flotte nach schweren Verlusten durch den britischen Trägerangriff auf Tarent (13.11.40) und der Niederlage in der Seeschlacht von Matapan (März 41) nicht einmal mehr die nötigsten Sicherungsaufgaben lösen konnte. Diese begrenzte Intervention erzielte erstaunliche Erfolge wie die Ausschaltung des Trägers Illustrious (Januar 41), die Versenkung des Trägers Ark Royal (13.11.41) und des Schlachtschiffs Barham (25.11.41).

    Die Lage für Großbritannien im Mittelmeer und im Nahen Osten wurde durch das deutsche Engagement bedrohlich, v.a. als auch im Irak Aufruhr ausbrach. Er konnte durch die Besetzung Syriens und des Libanon an der Ostküste des Mittelmeers gemeistert werden bevor der deutsche Überfall auf die UdSSR (22.6.41) insgesamt Entlastung brachte. Geleitzüge für Malta, das die Nachschubwege zwischen Italien und Nordafrika beherrschte und dessen Wegnahme versäumt worden war, kamen wieder durch, Rommel musste seine Truppen aus der Cyrenaika zurücknehmen. Nach dem Kriegsbeginn im Pazifik (7.12.41) wendete sich das Blatt noch einmal, da britische Kräfte nach Fernost abgegeben werden mussten und deutsche Verstärkungen im Mittelmeergebiet eintrafen. Massive Angriffe der deutschen Luftwaffe auf Malta konnten die Insel niederhalten und im Frühjahr/Sommer 42 Rommel für seinen Siegeszug über Tobruk bis El Alamein den nötigen Nachschub sichern. Da aber die Ausschaltung des "unsinkbaren Flugzeugträgers" erneut unterblieb, verstrich die letzte Chance zu einem Sieg der Achsenmächte im Mittelmeer, wo im November 42 die Amerikaner erschienen und die Niederlage der deutsch-italienischen Heeresgruppe Afrika besiegelten (13.5.43). Nach der Landung der Alliierten in Sizilien (10.7.43) und auf dem italienischen Festland (September 43) sowie dem Ausscheiden Italiens aus dem Krieg (8.9.43) verlor das Mittelmeer als Kriegsschauplatz an Bedeutung und diente nur noch als Sprungbrett für die Landung in Südfrankreich (15.8.44), der letzten großen Operation im Mittelmeer, und als Basis für Angriffe von See und aus der Luft gegen Ziele auf dem Balkan (z.B. Erdölgebiet von Ploesti). Churchills Strategie der Peripherie gegen den "weichen Bauch Europas", die noch bei der Casablancakonferenz (Januar 43) favorisiert worden war, war inzwischen zugunsten der Errichtung einer Zweiten Front in Nordwestfrankreich aufgegeben worden. In deutscher Hand blieben nur einige Inseln des Dodekanes und Kreta.