Mistel

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Beiname der unbemannten Einwegversion der Ju 88 im Gespann mit einem bemannten Leitflugzeug. Die Kombination war auch als "Huckepack", "Vater und Sohn" oder unter dem amtlichen Tarnnamen "Beethoven" bekannt. Die Ju 88 trug als so genanntes Verbrauchsgerät an Stelle der Kanzel eine 1,5-t- oder 3,5-t-Hohlladung mit "Elefantenrüssel" (Distanzzünder), diente also taktisch als fliegende Bombe. Die Leitflugzeuge, Jagdeinsitzer vom Typ Me 109 oder Fw 190, waren auf einem Strebebock an der Rumpfoberseite des Bombers befestigt, dessen Motoren bis in Objektnähe allein liefen und die Mistel auf 380 km/h brachten. Erst dann ließ der Pilot das Leitflugzeug an, lenkte die Ju 88 aus etwa 5 bis 1 km Entfernung durch ein Visier in flachem Gleitflug auf das Ziel und koppelte sich zum Heimflug ab. Die ersten 15 Prototypen kamen 1943 zur Flugerprobung; im Frühjahr 44 wurden die scharfen Gefechtsköpfe in Peenemünde getestet. Die erste Einsatzstaffel flog Ende Juni 44 mit 5 Mistel zwei Nachtangriffe gegen die Invasionsflotte in der Seinebucht und erzielte 4 Treffer, allerdings nur auf unwichtigen Sperrschiffen. Für einen Überraschungsangriff auf die britische Home Fleet in Scapa Flow wurden Ende 44 auf Absprungbasen in Dänemark 60 Mistel-Gespanne zusammengezogen. Der Großeinsatz kam jedoch ebenso wenig zustande wie das für März 45 geplante Unternehmen "Eisenhammer", bei dem das KG 200 mit 100 Mistel von Ostpreußen aus einen nächtlichen Vernichtungsschlag gegen Großkraftwerke bei Moskau führen sollte. Statt dessen zersplitterten sich die Mistel-Staffeln auf verlustreiche Angriffe gegen Brücken an Oder und Rhein. Bis Kriegsende wurden schätzungsweise 250 Ju-88-Zellen zu Mistel-Flugzeugen umgebaut, über 50 fielen den Alliierten allein im Raum Merseburg in die Hände.