Militärischer Widerstand (Thema)

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Die Gegner Hitlers waren zum größten Teil zunächst Parteigänger gewesen. Sie stießen sich als Konservative zwar an den Vulgärformen des Nationalsozialismus und fanden wohl auch Hitlers freimütig bekundete Fernziele, soweit sie ernst genommen wurden, unangemessen; sie übersahen dies alles aber, weil das Wieder-wehrhaft-Werden und die Revisionen des Versailler Zwangsvertrags, worauf Hitler zielstrebig steuerte, national erstrebenswert erschienen. So wird verständlich, dass die meisten unter den Reichswehrangehörigen die Weimarer Republik abgelehnt und Hitlers Aufkommen begrüßt hatten. Und selbst die Massaker der Röhm-Affäre 1934 stießen reichswehrintern kaum auf Unwillen, ja wurden insgeheim sogar gefördert, weil die Entmachtung der SA den Anspruch sicherte, der eigentliche Waffenträger der Nation zu bleiben.

    Die Geschichte des militärischen Widerstands kann chronologisch dreigeteilt werden: 1) die Zeit bis zum Krieg; 2) unerkannt gebliebene Anschläge vor dem 20.7.1944; 3) der Zwanzigste Juli.

    1) Während die Militärs im Allgemeinen Hitlers Kanzlerschaft begrüßten, gab der höchste Soldat (nächst dem Reichspräsident und Oberbefehlshaber) intern seiner Gegnerschaft Ausdruck. Generaloberst Kurt von Hammerstein-Equord als Chef der Heeresleitung hatte zuvor bei Hindenburg gegen die Berufung Hitlers interveniert, doch überwogen bei jenem unter Schwanken die gegenläufigen Einflussnahmen. Hammerstein trat nach einem Jahr nationalsozialistischer Herrschaft zurück. Ihm folgte auf seinem Posten General Werner von Fritsch, dessen Dienststellung 1935 in "Oberbefehlshaber des Heeres" umbenannt wurde. Fritsch unterstützte anfänglich Hitlers außenpolitischen Kurs ebenso wie der Chef des Truppenamtes (seit 1935: "Chef des Generalstabs des Heeres") Ludwig Beck. Bedenken von Seiten Fritschs kamen erstmals im November 1937 zum Ausdruck, als Hitler seine Raumpläne und imperialistischen Zielvorstellungen präzisierte (Hoßbach-Niederschrift). Die Einwände von Fritsch und Kriegsminister von Blomberg ließen Hitler Gelegenheit suchen, sich von beiden zu trennen. Der erste fiel einer Intrige Görings und Heydrichs wegen angeblicher Homosexualität zum Opfer, beim anderen kam Hitler eine anstößige Heirat entgegen. Fritschs Unschuldsnachweis und Rehabilitierung führten nicht zur Wiedereinsetzung ins Amt (der Nachfolger von Brauchitsch war Hitler gegenüber willfähriger), und das Offizierkorps nahm dies hin.

    Generalstabschef Beck wurde spätestens im Frühjahr 1938 zum Gegner Hitlers, als dieser den Angriff auf die Tschechoslowakei ("Fall Grün") vorbereiten ließ. Beck, wie die meisten Militärs, lehnte aufgrund seiner Erziehung den Krieg als Mittel der Politik nicht prinzipiell ab, erkannte aber hier unvermeidlich internationale Verwicklungen und zugleich ungenügende deutsche Rüstung. Sein Abschiedsgesuch - nach Denkschriften ohne Resonanz - fiel in die Sudetenkrise; am 1.9.1938 trat General Halder Becks Nachfolge an. In den angespannten Tagen drohender Kriegsgefahr formierte sich erstmals aktiver Widerstand. Im militärischen Hintergrund antreibend war Beck, unterstützt durch General von Witzleben, Befehlshaber des militärisch wichtigen Wehrkreises III (Berlin). Scharnierfunktion zwischen militärischer und ziviler Opposition (die in Goerdeler ihre Zentralfigur besaß) übte Oberst Oster im Nachrichtendienst des OKW (Abwehr) unter Admiral Canaris aus. Oster, von Canaris gedeckt, bald auch Leiter der Zentralabteilung, zögerte nicht, den Widerstand gegen das Unrechtssystem über die nationalen Grenzen hin auszudehnen: indem er die Engländer in der Sudetenkrise zu politischen Härte gegen Hitlers Forderungen zu beeinflussen suchte und indem er 1939/40 die Angriffspläne im Westen einem niederländischen Kontaktmann zugehen ließ.

    Die Putschpläne im September 1938, für die auch Halder nahezu gewonnen war, gingen dahin, Hitler im Falle eines Einmarschbefehls festzunehmen und die SS zu entmachten. Die politische Fragwürdigkeit des Unternehmens lag in Hitlers ungeheurer Popularität: Wie hätte das Volk selbst bei gelungenem Putsch reagiert? Das Nachgeben der Westmächte in Gestalt des Münchner Abkommens, also Hitlers unblutiger Triumph, fing den Staatsstreich gleichsam noch im Sprunge ab (wodurch er unerkannt blieb) und lähmte die Opposition nachhaltig. Unter den Umständen war eine erneute Koordinierung im September 1939 nicht möglich.

    2) Jedes Aufbegehren in einem Zwangsstaat benötigt militärische Mittel, um der Waffengewalt des Staates aussichtsreich entgegenzutreten. Die zivilen Widerstandszirkel im 3. Reich wären ohne die Gesinnungsfreunde in der Armee hilflos gewesen und mussten daher abwarten, wann diese den Zeitpunkt zum Staatsstreich für günstig erachteten. Die Widerständler in der Truppe konnten aber in der Zeit der Blitzsiege nicht putschen, ohne eine neue Dolchstoßlegende zu fördern. Erst als die Kriegswende Deutschland in die Defensive drängte, wurde der Umsturzgedanke von Neuem und nun auf breiterer Grundlage mächtig. Er unterwarf freilich die militärisch Beteiligten der Gewissensnot der "doppelten Front": indem der Kampf gegen den inneren Feind mit der Verteidigung gegen den äußeren einherging. Hierbei wog zusätzlich schwer, dass ein Gelingen des Staatsstreichs für die nüchtern Denkenden nicht einmal mehr befreiende Aussichten bot; denn seit Januar 1943 stand die Formel der Casablancakonferenz von der Bedingungslosen Kapitulation im Raum. Die alliierte Deutschland-Politik hätte einem anderen als von Hitler geführten Deutschen Reich keineswegs nachgiebiger gegenübergestanden. Es gehört zur moralischen Größe des Widerstands, dass er unter dieser Belastung entschlossen blieb, Hitler und sein Regime zu beseitigen; mit den Worten Tresckows: "... es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."

    Der militärische Widerstand konzentrierte sich seit dem Beginn des Russlandfeldzugs in drei Zentren: beim Oberkommando des Ersatzheeres in Berlin um Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes (Befehlshaber Fromm gehörte nicht zum Widerstand, obwohl er dessen Aktivitäten kannte); bei der Abwehr um Oster (der aber im April 1943 amtsenthoben wurde, knapp ein Jahr, bevor das gleiche Canaris geschah); beim 1. Generalstabsoffizier ("Ia") der Heeresgruppe Mitte, von Tresckow, seit November 1943 Chef des Stabes der 2. Armee im gleichen Operationsgebiet. An Tresckows Dienstsitz bei Smolensk wurde das erste militärische Attentat gegen Hitler geplant (die Tat im Bürgerbräukeller 1939 war der zivile Anschlag des Einzeltäters Georg Elser gewesen). Es gelang Tresckow, Generalfeldmarschall von Kluge zu einer Einladung Hitlers bei der Heeresgruppe Mitte zu überreden. Hitler erschien am 13.3.1943. Die Verschwörer platzierten eine Bombe im Flugzeug, deklariert als "zwei Flaschen Cognac" für Oberst Stieff im Führerhauptquartier. Die Cognac-Bombe sollte während des Fluges explodieren, doch der Zünder versagte. Es gelang Tresckow, die Übergabe des "Geschenks" telefonisch aufzuhalten; es sei eine Verwechslung passiert. Schlabrendorff flog ins Hauptquartier und tauschte das fatale Paket gegen zwei echte Flaschen aus. Der Anschlag blieb unerkannt. Acht Tage später besichtigte Hitler russische Beutestücke im Berliner Zeughaus. Oberst von Gersdorff fand sich zu dem Selbstopfer bereit, sich mit Hitler zusammen in die Luft zu sprengen. Hitler beendete jedoch den Rundgang so rasch, dass der Sprengkörper mit dem kürzest möglichen Zündzeitpunkt von zehn Minuten nicht mehr zur Auslösung kam. Gersdorff gelang es, die Bombe unmittelbar vor der Detonation unschädlich zu machen. Auch dieser Versuch fand keine ungelegenen Mitwisser.

    3) Die militärische Fronde, die bei diesen Versuchen in Kauf nahm, dass eigentlich Unschuldige mitgeopfert wurden, und ihre Planungen auch weiterhin durch diese moralische Erschwernis nicht behindern ließ, stieß im Sommer 1943 auf einen entschiedenen Hitler-Gegner und Befürworter von dessen gewaltsamer Beseitigung: Claus Graf Schenk von Stauffenberg, 35 Jahre alt, in Afrika schwer verwundet (Verlust eines Auges, der rechten Hand, zweier Finger der linken). Genesen, wurde er Olbrichts Stabschef (1.10.1943) und zu einer Schlüsselfigur aller Planungen, bei denen Attentat und Staatsstreich koordiniert werden mussten. Olbricht entwickelte eine Möglichkeit, den Umsturz "legal" einzuleiten: dadurch, dass nach gelungenem Anschlag auf Hitler der Alarm für innere Unruhen ("Walküre"), gedacht z.B. bei theoretisch möglicher, praktisch kaum vorstellbarer Rebellion von Zwangsarbeitern, ausgelöst und die dadurch mobilisierte Truppenmacht in den Dienst des militärischen Widerstands gestellt werden sollte. Dazu mussten ergebene Truppenführer in die Schaltstellen lanciert werden. Die Vorbereitungen waren weit gediehen, als Stauffenberg am 1.7.1944 Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres (Fromm) wurde und damit Zugang zum Führerhauptquartier erhielt. In dieser Position konnte und wollte er persönlich handeln. Die Zeit drängte, weil immer mehr Einzelne aus dem (vor allem zivilen) Widerstand heraus verhaftet wurden und die Gestapo noch vor dem entscheidenden Schlag ins Zentrum des Widerstands vordringen könnte. Bei dem wichtigen Versuch, oberste Frontkommandeure zu gewinnen, war eindeutiger Erfolg nur bei Generalfeldmarschall Rommel an der Invasionsfront erzielt worden; der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Kluge, sympathisierte ohne feste Zusage. Rommel aber wurde am 17.7.1944 schwer verwundet und fiel aus. Am 20. Juli unternahm Stauffenberg binnen drei Wochen den dritten Versuch, eine Bombe in Hitlers unmittelbarer Nähe zu platzieren (beim ersten Mal hatten Himmler und Göring gefehlt, beim zweiten Mal hatte Hitler die Lagebesprechung noch vor Zündung der Bombe beendet). Aufgrund unerträglichen Nervenanspannung und der übrigen Gefahren wollte Stauffenberg nicht länger warten, obwohl die äußere Situation ungünstig war: Wegen Reparaturarbeiten fand die "Lage" nicht im Bunker, sondern in einer Holzbaracke statt, wo der Explosionsdruck leicht entweichen konnte. Auch fehlten Himmler und Göring abermals.

    Unmittelbar nach Beginn der "Mittagslage" um 12 Uhr 30 setzte Stauffenberg mit Hilfe einer eigens für ihn konstruierten Flachzange in einem der Gästequartiere die Zündung des Sprengkörpers in Gang. Die Laufzeit betrug etwa zehn Minuten. Stauffenberg deponierte die Aktentasche mit der Bombe an der Innenseite des rechten Tischsockels und verließ unter einem Vorwand den Raum, während General Heusinger über die Lage im Osten referierte. Ein Teilnehmer stellte die ihn störende Tasche auf die Außenseite des Sockels. Als gleich danach die Bombe detonierte, ging der Hauptdruck zu jener, von Hitler abgelegenen Außenseite: Von den acht Schwerverletzten (vier starben) befanden sich sieben dort. Hitler erlitt nur leichte Verletzungen, die Baracke war weitgehend zerstört.

    Stauffenberg hörte den Donnerschlag in der Nähe des Tatortes und hielt Hitler für tot. Mit List und Glück gelangte er durch die drei sofort geschlossenen Sperrkreise, fuhr nach Rastenburg und flog kurz nach 13 Uhr zurück nach Berlin, um dort die Leitung des Staatsstreichs zu übernehmen. War diese Doppelaufgabe, bei zweieinhalb Stunden Flugdauer, schon an sich bedenklich, so verstrich diese kostbare Zeit obendrein ungenutzt: Die Verschwörer in der Bendlerstraße um Olbricht lösten das Codewort "Walküre" nicht aus, weil die erwartete Erfolgsnachricht von verbündeter Seite im Führerhauptquartier (General Fellgiebel) ausblieb. Erst Stauffenberg, zurück aus Ostpreußen, veranlasste "Walküre", wobei er sich von der gerade empfangenen Mitteilung Fromms, dass das Attentat misslungen sei, nicht beirren ließ; Generalfeldmarschall Keitel lüge "wie immer". Fromm, der unter den unklaren Umständen das Stichwort "Walküre" auszugeben verweigerte, wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass dies bereits geschehen sei. Als er die Tatbeteiligten festnehmen wollte, wurde er selber inhaftiert.

    Die Widerstandsbewegung gab der Auslösung des legalen Stichworts inhaltliche Begründungen bei, die lange vorbereitet waren: Hitler sei tot, "eine gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer" habe die Macht übernehmen wollen. Daher habe die Regierung dem Unterzeichnenden - Generalfeldmarschall von Witzleben, der 1942 von Hitler entlassen worden war - die Wehrmacht und die vollziehende Gewalt im Staat unterstellt. Als die sich häufenden "Walküre"-Befehle infolge dringlicher Rückfragen der Empfänger im Führerhauptquartier bekannt wurden, ergingen von dort Gegenbefehle, sodass stundenlang eine Schlacht der Fernschreiber tobte. Das Regime siegte vor allem durch Hitlers Überleben, welches den Absprung in die Illoyalität äußerst erschwerte. Im äußerlichen Ablauf waren darüber hinaus zwei Umstände maßgeblich: Der zentrale Rundfunksender wurde nicht rechtzeitig besetzt und konnte die Nachricht vom Misslingen des Attentats verbreiten; Goebbels ließ den bei ihm erschienenen Kommandeur des Wachbataillons, Remer, mit Hitler verbinden, der Remer befahl, den Putsch niederzuschlagen.

    Im Lauf des späten Abends kehrten sich die Kräfteverhältnisse in Berlin um. Fromm wurde befreit und ließ Stauffenberg, Olbricht, dessen Stabschef Merz von Quirnheim sowie Stauffenbergs Adjutant von Haeften erschießen, wohl um sich der Zeugen seiner Mitwisserschaft zu entledigen; er wurde dennoch verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Beck schied an Ort und Stelle freiwillig aus dem Leben (er war als neues Staatsoberhaupt vorgesehen gewesen). Tresckow tat in Russland das gleiche. In Paris, dem einzigen Ort, wo der Umsturz wirklich gelungen und die gesamte Gestapo im Gefängnis gelandet war, musste der Militärbefehlshaber General Karl Heinrich von Stülpnagel den errungenen Sieg resignierend wieder aus der Hand geben. Noch in der Nacht sprach Hitler über alle Sender und verkündete: "Diesmal wird nun so abgerechnet, wie wir das als Nationalsozialismus gewohnt sind." Die verbreitete Empörung im Volk über das Attentat gegen Hitler wurde vom Volksgerichtshof unter seinem Präsidenten Freisler zu einem enthemmten Rachefeldzug, zugleich in würdelosen Formen äußerer Erniedrigung, genutzt. Unter den führenden Militärs im Widerstand fielen die meisten den verbissenen Verfolgungen des Regimes kurz vor dessen eigenem Untergang zum Opfer, darunter die Marschälle Rommel und von Witzleben, ferner Canaris, Fellgiebel, von Hase, Oster, von Stülpnagel und zahlreiche weitere hohe Offiziere.

    Die Tragik des deutschen Widerstands, militärisch und zivil, lag in seiner doppelten Vergeblichkeit. Selbst ein gelungener Umsturz am 20. Juli hätte nichts mehr an den furchtbaren Verbrechen, die inzwischen geschehen waren, geändert und die wankenden Fronten nicht stärker machen können als sie waren. Dem Patriotismus der Widerständler wäre also, wenn nicht durch Hitler, dann durch die alliierte Kriegszielpolitik Bitternis widerfahren. Die Größe liegt im Dennoch des Umsturzversuches aus grundsätzlich sittlichen Erwägungen.