Luftkrieg

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Schon den Siegern des 1. Weltkriegs war bewusst, dass in einem künftigen Krieg die Entscheidung an der "dritten Front", in der Luft, fallen würde. Nicht von ungefähr untersagten sie den Besiegten die Luftrüstung, was aber schon die Reichswehr durch Kooperation mit der Roten Armee zu umgehen verstand, ehe Hitler dann im Zuge seiner Revisionspolitik zu offenem Ausbau der Luftwaffe überging. Sie sollte Rückgrat seiner Strategie des Blitzkriegs werden und erhielt hohe Priorität. Zum Oberbefehlshaber wurde auch deswegen der zweite Mann im Staat, Hermann Göring, ernannt, der unter anderem Udet, Student und Milch zu Mitarbeitern machte.

    Ihr Auftrag aber sah eine fast gänzlich auf taktische und operative Einsätze abgestellte Luftkriegführung vor, sodass der Aufbau einer strategischen Bomberwaffe versäumt wurde und in der Luftschlacht um England der erste schwere Rückschlag kam. Hier praktizierte die deutsche Luftwaffe erstmals die neue Art der Kampfführung, die heute gemeint ist, wenn von Luftkrieg gesprochen wird: die Bomberoffensive ohne Ansehen der Ziele und Opfer. Von den Nachtangriffen auf London und Coventry führt ein direkter Weg nach Hamburg und Dresden. Die Rechnung aber, man könne die Moral des Gegners durch wahllosen Terror brechen, ging weder hier noch dort auf.

    Während die öffentliche Meinung in England nach den "Blitz"-Monaten von 1940/41 Vergeltung forderte, hatte das britische Bomber Command einen schweren Stand. Anders als die deutschen Bomber brauchten die Wellingtons und Blenheims nicht nur über den Ärmelkanal zu springen. Der lange Anmarschweg behinderte ihre Aktionen. Insbesondere die Tatsache, dass die damals existierenden Funknavigationssysteme für eine Lenkung des Zielanfluges über solche Entfernungen absolut ungeeignet waren, ließ ihre Aktionen gegenüber den deutschen Luftschlägen unbedeutend erscheinen. Anfang 1942 jedoch erschienen ein Mann und eine Maschine auf der Bühne des Krieges, die dieses Bild gründlich ändern sollten: Luftmarschall Harris und die Avro Lancaster.

    Harris hatte schon in den 1920er Jahren eine Kampfflieger-Schwadron geführt und war nach Natur und Karriere eher ein Anhänger des Präzisionsangriffs auf Sicht. Der Entschluss der britischen Führung zu Flächenbombardements stand aber längst fest, und zwar nicht nur zum Zweck der Vergeltung. Objektive Gründe kamen hinzu: Tagesangriffe hatten sich als zu verlustreich erwiesen; Geleitschutz durch Jäger schien auf dem langen Anmarschweg zu der Zeit technisch unmöglich; die Trefferquote bei Nachtangriffen war so gering, dass nur Flächenwürfe Erfolg versprachen. Nach dem Eintritt der USA in den Krieg waren die Alliierten entschlossen, irgendwann auf das europische Festland zurückzukehren - bis dahin galt es, Deutschland auf jedem nur möglichen Weg zu schwächen; Bombardierung war für lange Zeit das einzige, was die auf ihrer Insel isolierten Briten tun konnten.

    Harris war ein Mann, der ein einmal gesetztes Ziel gradlinig und rücksichtslos anging. Er glaubte daran, das Deutsche Reich ohne jede Aktion zu Lande friedensbereit bomben zu können, obwohl Großbritannien unter dem "Blitz" bewiesen hatte, dass die Moral der Zivilbevölkerung sich unter Terrorangriffen eher festigte. Sein Argument: Ein diktatorisch regiertes Volk muss anfälliger sein als wir.

    Als er am 22.2.1942 seinen Dienst antrat, war die Stimmung im Bomber-Kommando schlecht. Was Harris brauchte, um seinen Auftrag ungehindert auszuführen, war ein spektakulärer Erfolg. Nicht nur die eigene Nation, auch der neue Verbündete Amerika musste überzeugt werden, dass eine Luft-Offensive gegen Deutschland Erfolg versprach. Seine Rechnung: Wenn er alle Maschinen, auch Schulflugzeuge, zusammenholte, käme er auf 1000 Bomber. In der Nacht zum 31.5.1942 griffen beim Unternehmen "Millennium" fast 1000 britische Bomber Köln an. Die Angreifer, die 44 Flugzeuge verloren, blieben zunächst im Unklaren über das Ausmaß der Zerstörungen; Aufklärer konnten am nächsten Tag keine Fotos machen, weil eine gewaltige Rauchwolke 4500 Meter hoch über der Stadt lag. Wenig später war klar: 106 vorausgegangene Luftangriffe auf Köln hatten bis dahin nur einen Bruchteil der nun verursachten Verwüstungen erreicht. Harris hatte seine gesamte Streitmacht bis zum letzten Mann aufs Spiel gesetzt. Auch in anderer Hinsicht stellte Köln die Weichen für die weitere Entwicklung. Was auf der einen Seite eine der mitleiderregendsten Tragödien der Menschheitsgeschichte wurde, stellte sich auf der anderen Seite zunächst einmal als ein technisches und organisatorisches Problem dar.

    Die 1000-Bomber-Streitkräfte für Köln mussten von 53 verschiedenen Basen in Südostengland aufsteigen, sich zu bestimmten Gruppen sammeln und innerhalb von 98 Minuten einen festgelegten Punkt passieren, um ihre Bomben ins Ziel zu werfen. Etwa die Hälfte der zusammengekratzten 1000-Bomber-Flotte stellten die zuverlässigen Wellingtons, aber im Bomberstrom war auch ein neues, sonores Brummen zu hören, das in den folgenden Jahren das bestimmende Geräusch des nächtlichen Luftkriegs über Deutschland werden sollte: Es stammte von den vier Merlin-Motoren des Avro-Fernbombers Lancaster.

    Fast 8000 Lancaster wurden gebaut; diese Zahl wurde noch übertroffen von einem Flugzeug, das seinen Hersteller zunächst an den Rand des Ruins brachte, dann aber zu einer mächtigen Expansion führte: die Boeing B-17 Flying Fortress (Fliegende Festung). Vom Juni bis Dezember 1942 flogen knapp 900 dieser Maschinen über den Atlantik nach England; sie bildeten den Kern der 8. US-Luftflotte. Anders als die britischen Verbündeten verfolgten die amerikanischen Luftstreitkräfte von vornherein das Konzept des Präzisionsbombenangriffs, bei Tag und in geschlossener Formation. Obwohl noch bis zum Ende des Krieges die beiden Luftwaffen auch andere Bomber gegen das Deutsche Reich flogen - bei den Engländern etwa die viermotorige Halifax, bei den Amerikanern die ebenfalls viermotorige Liberator und die zweimotorige Marauder -, wurden die Namen dieser beiden Flugzeugtypen zu den Synonymen des Luftkriegs "Round the Clock" (Rund um die Uhr): bei Nacht die Reihenwürfe aus den Bomberströmen der Lancaster, bei Tag die Bombenteppiche aus den dichtgestaffelten Verbänden der B-17.

    Diese "Arbeitsteilung" wurde offiziell auf der Casablancakonferenz beschlossen und das Ziel der Luftoffensive so formuliert: "Fortschreitende Störung und Zerstörung der militärischen Struktur Deutschlands und die Unterhöhlung der Moral seiner Bevölkerung bis zu einem Punkt, an dem die Fähigkeit, bewaffneten Widerstand zu leisten, entscheidend geschwächt ist." Fast ungehindert von deutschen Bombern, die nun vom Nordmeer bis Afrika und in den weiten Räumen Russlands kämpften, lief längst die britische Flugzeugproduktion auf höchsten Touren. Dazu kam nun die gewaltige industrielle Maschinerie der Vereinigten Staaten. Präsident Roosevelt nannte im Dezember 1942 die Flugzeugproduktion der USA: monatlich 5500 Stück.

    Die Nachtjagd war es (neben der Flak), die im Luftkrieg über Deutschland zunächst beträchtliche Erfolge erzielte und den Dienst im britischen Bomberkommando zu einem unkalkulierbaren Risiko machte. Von den 44 Total-Verlusten beim 1000-Bomber-Schlag gegen Köln gingen 36 auf das Konto der Nachtjäger. Sie vollendeten damit ihren 600. Abschuss. Bis zum September desselben Jahres waren es 1000, bis zum März 1943 schon 2000 zumeist viermotorige Bomber. Zunächst, als die Engländer auf breiter Front einzufliegen pflegten, warteten die Nachtjäger (v.a. zweimotorige Maschinen vom Typ Me 110 und Ju 88) entlang der nach ihrem Chef benannten Kammhuber-Linie über Funkfeuern, bis Bodenradar sie an die einfliegenden Feindmaschinen heranführte. Als Antwort auf die Taktik der Bomberströme wurden die Jäger dann mehr und mehr mit Bordradar ausgerüstet, mit dessen Hilfe sie kämpfend im Bomberstrom "mitschwimmen" konnten.

    Der Aufbau der 8. US-Luftflotte ging nur langsam voran; die Briten trugen noch lange die Hauptlast des Kampfes, ehe am 27.1.1943 der erste amerikanische Großangriff gegen Ziele in Deutschland begann. Die folgenden elf Monate bewiesen zweierlei: Die amerikanischen Verbände waren in der Lage, bei Bodensicht mit ihren Bombenteppichen eine bisher nicht gekannte Treffergenauigkeit zu erreichen; vergleichsweise kleine Einheiten verwüsteten Fabriken, Hydrierwerke und Verschiebebahnhöfe. Und: Selbst die waffenstarrenden Fliegenden Festungen - ein Verband von 18 Maschinen konnte die Feuerkraft von rund 200 überschweren MG auf jeden angreifenden Jäger konzentrieren - würden ohne Jagdschutz über Deutschland vernichtende Verluste erleiden. Die deutsche Jagdabwehr kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung. Zum ersten Mal wurden im Luftkampf erfolgreich Raketen eingesetzt. Insbesondere die einmotorige Fw 190 erwies sich als gefährlicher Gegner von vernichtender Feuerkraft.

    Der Versuch der Amerikaner, die Luftherrschaft über Deutschland zu erringen, scheiterte zunächst blutig. Ihre steigenden Verluste gipfelten in der Katastrophe von Schweinfurt am 14.10.1943. Von 291 Maschinen, die einen Angriff auf die Kugellagerfabriken flogen, wurden 60 abgeschossen, 17 gingen unterwegs verloren und 121 wurden beschädigt. Die Tagbomber-Offensive wurde abgebrochen, nicht zuletzt wegen der sinkenden Moral der Besatzungen.

    Zu dieser Zeit war der Beschluss zur Invasion gefasst. Sie würde ohne Luftüberlegenheit kaum gelingen. Die Tagesangriffe mussten also wieder aufgenommen werden, und die einzige Möglichkeit hieß: Jagdschutz bis zum Ziel und zurück. Dieses technische Problem war lange für unlösbar gehalten worden. Die Begleitjäger mussten nicht nur fähig sein, eine gewaltige Benzinlast mitzuschleppen. Für den zu erwartenden, fast ununterbrochenen Kampf mussten sie außerdem riesige Munitionslasten an Bord nehmen - und dabei manövrier- und steigfähig genug bleiben, um es mit den Fw 190 und Me 109 aufnehmen zu können.

    Die Antwort hieß P-51 Mustang, sie wurde in Stückzahlen in den US-Fabriken hergestellt, die Göring bis zum Schluss bezweifelte. Aber von Dezember 1943 an erschienen die Maschinen in ständig wachsenden Schwärmen an der Seite der Viermotorigen über Deutschland und entschieden in kurzer Zeit die Schlacht. Inzwischen hatte das britische Bomber-Kommando konsequent den einmal eingeschlagenen Weg verfolgt. Er führte Ende Juli 1943 zu einem vorläufigen Gipfel, den Luftangriffen auf Hamburg mit dem Decknamen "Gomorrha". Alle Maßnahmen des Luftschutzes erwiesen sich als wenig sinnvoll. Die Menschen erstickten in bombensicheren Bunkern ebenso wie in notdürftig abgestützten Kellern. Die meisten versäumten hier wie in anderen Städten den Zeitpunkt zur Flucht: bevor der Feuersturm Orkanstärke erreichte.

    In der ersten Hälfte des Jahres 1944 entschieden die Amerikaner mit ein paar gewaltigen Schlägen die Luftschlacht über Deutschland. Die 8. Luftflotte, nun von General Spaatz geführt, erschien unter dem Schutz ihrer Jäger fast täglich über dem Reichsgebiet. Mit dem Vordringen der Alliierten in Italien griff von dort immer stärker auch die 15. US-Luftflotte in den Kampf ein. Am 20.2.1944 begann die "Big Week" (Große Woche) der Alliierten: In 1000-Bomber-Schlägen zerstörte die US Army Air Force Europe (USAAFE) große Teile der Flugzeugindustrie, während in der Nacht die RAF die Arbeiter mit ihren Familien tötete oder ausbombte. Mit ungeheurem Aufwand wurde die deutsche Flugzeugproduktion nun in unterirdische Höhlen und Tunnels verlagert, und es gelang sogar, den Ausstoß durch die Mobilisierung aller Kräfte in nie gekannte Höhe zu jagen. Aber der nächste Schlag der Amerikaner galt der Kraftstoffversorgung. Bombenteppiche trafen die Ölfelder in Ploesti, die Donau wurde aus der Luft vermint, um Öltransporte zu verhindern, und schließlich vernichteten Präzisionswürfe die Hydrierwerke in Deutschland. Von Juni bis September sank die monatliche Benzinzuteilung für die deutsche Luftwaffe von 160 000 t, der Mindestmenge, auf 30 000 t. Dies bewahrte die RAF an einem entscheidenden Punkt vor einer Niederlage.

    Inzwischen nämlich hatte sich das Verlustverhältnis umgekehrt, die ungeschützt einfliegenden Nachtbomber wurden Opfer der immer perfekter werdenden Nachtjagd. Allein in der Nacht zum 31.3.1944 wurden von 700 Bombern, die Nürnberg angriffen, 95 über Deutschland abgeschossen. Zwölf weitere gingen wegen ihrer schweren Beschädigungen in England zu Bruch. Aber als am 6.6.1944 die Invasion der Alliierten in der Normandie begann, bestand an ihrer Luftherrschaft über der "Festung Europa" kein Zweifel mehr. Der Bombenhagel auf Deutschland steigerte sich mit dem Luftangriff auf Dresden am 13./14.2.1945 zu einem Höhepunkt, der der nationalsozialistischen Propaganda in letzter Stunde noch Munition für Durchhalteparolen lieferte.

    Angesichts der eigenen Bedrohung durch V l und V 2 und unter dem Eindruck der grausigen Funde in den befreiten Konzentrationslagern meldete sich im alliierten Lager Kritik am Konzept des Bomber Command nur zögernd. Rückblickend jedoch wird auch in der angelsächsischen Literatur der unbeschränkte Luftkrieg in seinen gnadenlosen Auswüchsen unter die Kriegsverbrechen gerechnet. Denn den Krieg entschied nicht der Flächenterror, sondern die alliierte Luftüberlegenheit über den Schlachtfeldern.