Kriegswirtschaft

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Kriegswirtschaft. Sortieren von Patronenhülsen

    Von Beginn an war das 3. Reich auf eine aggressiv-offensive Außenpolitik hin angelegt, die einen Kriegsausbruch wahrscheinlich machte. Deshalb waren die Übergänge von der Friedens- zur Kriegswirtschaft fließend. Einen beträchtlichen Einschnitt machte allerdings der Vierjahresplan von 1936 aus, da dieser eine volkswirtschaftlich einseitig auf die Aufrüstung zielende Wirtschaftspolitik forcierte (Kriegswirtschaft in Friedenszeiten), die seit 1939 in eine friedensähnliche Kriegswirtschaft überging. Betrachtet man dagegen allein die Kriegszeit, so können drei Phasen der Kriegswirtschaft unterschieden werden:

    1939 bis 1941/42

    Mit Kriegsbeginn kam die durch den Vierjahresplan von 1936 erzwungene wirtschaftliche Neuorganisation wieder ins Wanken. Situationsbedingte Funktionsverlagerungen und -konzentrationen führten zu neuen Zuständigkeiten und damit zu einer weiteren Ausprägung der systemspezifisch polykratischen Tendenzen in Form neuer Ämter und Kompetenzüberschneidungen. Zunächst verlagerte bzw. konzentrierte sich die Macht auf bestimmte Einzelämter der Vierjahresplanbürokratie - insbesondere auf das Reichsamt für Wirtschaftsaufbau, das in der Folgezeit behördliche Eigendynamik entwickelte. Aufgrund der personellen Verflechtung mit der IG Farben (der Leiter des Reichsamtes, Krauch, war gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der IG Farben) kam es dabei zu einem wachsenden Einfluss gerade dieses Großkonzerns.

    Eine 2. Machtverlagerung in jener Phase vollzog sich zugunsten der Wehrmacht (Oktober/November 1939: Neubildung des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes unter der Leitung von Thomas; März 1940: Neugründung des Ministeriums für Bewaffnung und Munition unter der Leitung von Todt).

    Durch die in der ersten Kriegsphase erfolgreich verlaufenen Blitzkriege konnte - entgegen den Intentionen von Thomas - eine völlige Umstellung der Wirtschaft auf die Kriegserfordernisse umgangen und eine kriegswirtschaftliche Zentralisierung vermieden werden. Die Brisanz der wirtschaftlichen Engpässe wurde durch die skrupellose Ausbeutung der eroberten Länder zeitweise entschärft. In der Ära der Blitzkriege dominierte die improvisierte rasche Ausbeutung aller Ressourcen der besetzten Länder, so dass man auch von einer wirtschaftlichen "Blitzkriegsstrategie" (R.D. Müller) sprechen kann. In West- und Nordeuropa wurde der Wiederaufbau der nationalen Wirtschaften auf deutsche Interessen bzw. auf eine von Deutschland beherrschte kontinentaleuropäische Großraumwirtschaft zugeschnitten. Ein Großteil der Produktion in Belgien, den Niederlanden, Norwegen, Dänemark und Frankreich war für die deutsche Kriegswirtschaft bestimmt. Südosteuropa lieferte besonders Öl (Rumänien, Ungarn), Erze (Jugoslawien), landwirtschaftliche Produkte (Ungarn) und Bauxit (Ungarn). Polen und später die Sowjetunion wurden unmittelbar nach der Besetzung zu Objekten direkter wirtschaftliche Ausbeutung. Die Einführung eines Treuhandsystems sollte die künftige Übertragung der Eigentumsverhältnisse dortiger Produktions- und Handelsstätten auf deutsche Unternehmungen vorbereiten. Die beiden Länder dienten außerdem in besonders großem Ausmaß als Arbeitskräftereservoir (Zwangsarbeit, KZ-Arbeit). Aus der UdSSR sollte vor allem Getreide und Erdöl nach Deutschland geliefert werden. Später maß man der Erschließung von Mangan- und anderen Eisen- und Schmelzerzen mehr Bedeutung zu.

    Zwischen der nationalsozialistischen Führung und der deutschen Großindustrie bestand über eine maximale Ausbeutung der eroberten Länder weitgehend Konsens, wenngleich es hinsichtlich der konkreten Maßnahmen und der Prioritätensetzungen zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten kam. Volkswirtschaftliche Abteilungen der großen Konzerne entwickelten darüber hinaus Pläne zur europäischen Neuordnung unter deutscher Herrschaft, womit sie im Grunde öffentliche Aufgaben erfüllten. Die enge funktionelle Verflechtung zwischen nationalsozialistischem Staat und Großwirtschaft auf diesem Gebiet führte 1941 zur Gründung der Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung. Die anvisierte europäische Großraumwirtschaft unter deutscher Führung sollte nicht nur primär deutschen Interessen dienen, sondern auch eine Arbeitsteilung zwischen Industriestaaten in Mittel- und Westeuropa einerseits und den Agrarländern im Osten und Südosten Europas andererseits festschreiben. Eine solche Großraumwirtschaft hätte die seit dem Niedergang des Welthandels während der Weltwirtschaftskrise verstärkt eingetretene Regionalisierung des Welthandels auf die Spitze getrieben. Selbst die neutralen Staaten wie Spanien, Portugal und die Türkei waren unter deutschen Druck geraten und begannen, ihre Wirtschaft ebenfalls auf den Bedarf Deutschlands einzustellen. Nur der Schweiz gelang es, mit beiden Krieg führenden Seiten Handel zu treiben.

    In dieser ersten Phase litten die Menschen in Deutschland noch relativ wenig unter dem Krieg, weniger als beispielsweise in England. Dort mussten Finanzen und Wirtschaft innerhalb kurzer Zeit auf die Kriegssituation und Kriegserfordernisse umgestellt werden, wobei allerdings dem Land seine weltweiten Handelsverbindungen im Rahmen des Empire zum Vorteil gereichten. Schon 1940 gelang es England, bei der Produktion von Rüstungsmaterial fast die deutschen Zahlen zu erreichen (nur 9 % weniger), und dies, obwohl das englische Sozialprodukt nur 70 % des deutschen ausmachte. 1941 lag die Produktion von Rüstungsmaterial in England sogar um 32 % höher als in Deutschland, dessen Ausstoß in etwa gleich blieb. Englands enorme Rüstungsanstrengungen bewirkten einen relativ schnellen Rückgang des zivilen Verbrauchs. Dieser betrug 1940/41 nurmehr 84 % des Vorkriegsstandes (1938 = 100 %), während er in Deutschland damals immerhin noch 98,5 % ausmachte. Durch das Notstandsgesetz von 1940 führte England außerdem eine Arbeitszwangsverpflichtung ein, die strenger als diejenige in Deutschland gehandhabt wurde: Zwar kam es in Deutschland auch zu entsprechenden Verordnungen (Juni 38: Verordnung über Teildienstverpflichtung; Februar 39: umfassendere Dienstverpflichtung; September 39: Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels), doch blieben die Regelung des Arbeitsmarktes und die Lenkung der Arbeitskräfte in jener Phase noch in den Händen ziviler Behörden (unter Federführung des Beauftragten für den Vierjahresplan und des Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft), die ihre Machtbefugnisse aus herrschaftsstrategischen Gründen nicht voll ausschöpften und den Ansprüchen des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamts Grenzen setzten. Auch musste die Kriegswirtschaftsverordnung vom 4.9.1939, durch die die Lage der Arbeiter verschlechtert wurde (Lohnstopp, Arbeitszeitverlängerung, Urlaubssperre) in den folgenden Monaten zurückgenommen werden. Ungeachtet der bedrohlich anwachsenden Engpässe in der deutschen Wirtschaft (Rohstoffe, Arbeitskräfte) kamen der siegreiche Verlauf der Blitzkriege (und die dadurch möglich gewordene Ausbeutung der von Deutschland besetzten Länder) sowie die friedensähnliche deutsche Kriegswirtschaft (Breitenrüstung anstelle der von Thomas geforderten Tiefenrüstung) der Herrschaftssicherung des Regimes zustatten.

    Anfang 1942 bis Mitte 1944

    Mit Ende der Blitzkriege wurde eine neue Phase in der Kriegswirtschaft eingeleitet, die im Zeichen des "totalen Kriegs" stand. Hinsichtlich der Wirtschaftsorganisation verschoben sich die Kompetenzen und Machtbefugnisse erneut. Verlierer waren diesmal nicht nur (wie schon bisher) die Vierjahresplanbehörden (sowie das schon früher geschwächte Reichswirtschaftsministerium), sondern nun auch das in der ersten Kriegsphase neu gegründete Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt. Eindeutiger Gewinner wurde das neue Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion unter der Leitung von Speer. Diesem unterstanden nun nicht mehr lediglich die Rüstungsbetriebe, sondern die gesamte Wirtschaft (Führererlass über die Konzentration der Kriegswirtschaft vom 2.9.1943). Erst damit waren die Voraussetzungen für eine zentrale Steuerung der Gesamtwirtschaft geschaffen. Die Zentralisierung von Macht und Planung in den Händen Speers stärkte gleichzeitig den Einfluss der Großindustrie. Speer wollte die Effizienz der Planungsmethoden und der Techniknutzung verbessern sowie rationellere Produktionsmethoden (z.B. Typenminderung) erreichen, und zwar nicht zuletzt durch die Aktivierung privatwirtschaftlicher Selbstverantwortung. Neue Einheits- und Gruppenpreise sollten zur weiteren effizienzsteigernden Betriebskonzentration führen, da der Staat nun nicht mehr die tatsächlich angefallenen Produktionskosten erstattete, sondern die Preise auf der Basis der technisch gut ausgerüsteten und rationell arbeitenden Betriebe errechnete und dann verallgemeinerte. Die Macht der Großindustrie steigerte sich auch durch eine von Speer initiierte Umorganisierung der Wirtschaft: Die neu gebildeten Hauptausschüsse (zuständig für die Rüstungsendfertigung), die Industrieringe (zuständig für die Zulieferung) sowie die Reichsstellen und Reichsvereinigungen (zuständig für die Rohstoffbewirtschaftung) waren nicht mehr branchenbezogen, sondern produktmäßig ausgerichtet (z.B. Nieten, Panzerwagen, Kohle). Die in solchen Organisationen führenden Großkonzerne übten dabei quasi staatliche Befugnisse aus. So verteilten die Ausschüsse und Ringe in eigener Kompetenz Rüstungsaufträge, Rohstoffkontingente und Arbeitskräfte an die Betriebe.

    Im Unterschied zu Deutschland wurde in den Vereinigten Staaten keine vergleichbare zentrale Superbehörde, die die ganze Kriegswirtschaft koordiniert hätte, geschaffen. Seit Dezember 1942 legten die US-Streitkräfte ihre Anforderungen an die Wirtschaft fest und benutzten ihr eigenes Beschaffungssystem. Jedoch konnte das Amt für Kriegsproduktion eine maximale Obergrenze für den militärischen Bedarf festsetzen, die Zuteilung von Rohstoffen sowie den Planungsablauf für die Herstellung der Rüstungsgüter bestimmen. Dabei kam es in der Praxis zu einer neuen Allianz von "Big Military" und "Big Business".

    Großbritannien entschloss sich hingegen zu einer rigoroseren zentralen Kriegswirtschaftsplanung als die USA (Rationierung und Kontrolle der Zivilversorgung, Materialzuteilung, Planungs-, Kontrollapparate etc.).

    Eine Besonderheit der deutschen Kriegswirtschaft stellte seit 1942 die Lenkung der Arbeitskräfte durch den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Sauckel, dar, wobei vor allem die Zwangsarbeiter(innen) und Kriegsgefangenen an Bedeutung für die deutsche Wirtschaft gewannen. 1944 machten diese immerhin ungefähr 20 % der Gesamtbeschäftigten aus. Durch dieses Zwangsarbeitssystem konnte das Regime sich gegenüber der einheimischen Bevölkerung "großzügiger" zeigen als andere Krieg führende Länder. Dies gilt besonders hinsichtlich der Frauenerwerbsarbeit. Im Vergleich zu den USA und Großbritannien erreichte Deutschland während des Kriegs hier einen erheblich geringeren Mobilisierungsgrad. Auch hielt sich das Ausmaß der Schichtarbeit, der sektoralen Umschichtung der Arbeitskräfte sowie der Betriebsschließungen im Handwerk und Einzelhandel in Grenzen.

    Gleichwohl kam es in dieser Phase zu einer beträchtlichen Steigerung der deutschen Kriegsproduktion. Diese basierte nicht auf einer allgemeinen Steigerung der Industrieproduktion (die während des Krieges ziemlich konstant blieb), sondern erfolgte durch Umstrukturierung, Rationalisierung und Standardisierung der Rüstungsproduktion, die sich schließlich zwischen 1941 und 1944 verdreifachte. Der Index der gesamten Rüstungsendfertigung stieg 1944 auf 322 (Januar/Februar 1942 = 100) an. (Der absolute Höhepunkt wurde im Juli 1944 erreicht.) Der Anteil der Rüstungserzeugung an der Gesamtindustrieerzeugung erhöhte sich in jener Phase von 16 % in den Jahren 1940/41 auf 40 % im Jahr 1944. Ungeachtet dieser enormen Leistungssteigerung konnte die deutsche Kriegswirtschaft jedoch nicht mit den USA konkurrieren, denn die Vereinigten Staaten hatten einen noch größeren kriegsbedingten Wachstumsschub zu verzeichnen. Die amerikanische Wirtschaft verfügte infolge der wirtschaftlichen Depression, die dem Kriegseintritt vorausgegangen war, über viele ungenutzte Ressourcen, vor allem an Arbeitskraft. Dies erhöhte die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Mobilisierung. Seit dem Inkrafttreten des Leih- und Pachtgesetzes im März 1941 war es der amerikanischen Kriegswirtschaft darüber hinaus möglich geworden, an Verbündete Kriegsmaterial und Lebensmittel zu liefern (vor allem an Großbritannien und die Sowjetunion). Insgesamt konnten die USA zwischen 1939 und 1944 ihr Bruttosozialprodukt um 37 % steigern. Während die Erhöhung der Arbeitsproduktivität in Deutschland zwischen 10 % und 12 % lag, war diese in den Vereinigten Staaten doppelt so hoch. Dabei spielte nicht zuletzt auch der Unterschied der maschinellen Grundausstattung eine Rolle: In Deutschland wurden noch mehr Universalwerkzeugmaschinen benutzt, während in den Vereinigten Staaten bereits Spezialwerkzeugmaschinen für die Rüstungsproduktion entwickelt wurden und zum Großeinsatz kamen.

    Mitte 1944 bis Mai 1945

    In der letzten Kriegsphase wuchsen die Widersprüche zwischen den ökonomischen Erfordernissen der Kriegführung, den volkswirtschaftlichen Möglichkeiten Deutschlands und dem (latenten) sozialen Druck seitens der Bevölkerung beträchtlich. Gleichwohl gelang es noch bis zum Januar 1945, die Kriegsproduktion auf beachtlicher Höhe zu halten. So lag der Index der gesamten Rüstungsendfertigung in jenem Monat mit 227 (Januar/Februar 1942 = 100) höher als der Jahresdurchschnitt von 1943. Doch während in der zurückliegenden Phase die Produktionsstrategie noch stark auf die Erreichung hoher Produktqualität ausgerichtet war, setzte man nunmehr auf eine vereinfachte Großproduktion schon erprobter Kampfmittel ("Notprogramm der Rüstungsendfertigung"). Wichtige Erfindungen und Entwicklungen bei U-Booten, Flugzeugen, Panzern und V-Waffen gingen nicht mehr in Serie. Die seit dem Sommer 1944 gesteigerte strategische Bombardierung durch die Alliierten traf vor allem die synthetische Treibstoffindustrie sowie das Verkehrs- und Transportsystem. Die damals angerichteten Bombenschäden an den deutschen Produktionsanlagen erwiesen sich allerdings nach Kriegsende als längst nicht so umfangreich wie ursprünglich angenommen.

    Aufgrund der sich abzeichnenden Niederlage Deutschlands wurde auch dem Konzept der Kriegsfinanzierung - nämlich einer Sanierung der deutschen Finanzen auf Kosten der eroberten Länder - der Boden entzogen. Gleichzeitig wuchsen die Staatsausgaben, die durch eine "geräuschlose Kriegsfinanzierung" möglich wurden, weiter an; dies bedeutete: nur leichte Steueranhebungen, aber dafür um so mehr Notendruck und Wechsel; außerdem mussten Banken, Sparkassen und andere "geräuschlos" Zwangskredite an den Staat geben, der mit dem System auch herrschaftsstrategische Ziele verfolgte. Die Reichsschuld in Deutschland stieg schließlich auf 380 Mrd. RM im Januar 1945 an (1933: 15 Mrd. RM; 1939: 31 Mrd. RM; 1943: 86 Mrd. RM).

    Der Anteil der Kreditfinanzierung im internationalen Vergleich schwankte beträchtlich - zwischen 17,1 % in der Sowjetunion (1941-45) und 92 % in Japan (1937-45) bzw. 93 % in Italien (1939-43); auch Deutschlands Anteil lag mit 86 % (1939-45) recht hoch, während die entsprechenden Prozentsätze für die USA 70,5 (1940-45) und für Großbritannien 69,2 (1939-45) betrugen. (Im Unterschied zu Deutschland entschloss man sich z.B. in den USA zu drastischen Steuererhöhungen und zur Auflegung von Kriegsanleihen.)

    Ungeachtet der galoppierenden Verschuldung kam es in dieser letzten Kriegsphase doch zu einer gravierenden Verschlechterung der Lebens- und Arbeitssituation auch der deutschen Bevölkerung. Der Rückgang der erzeugten Konsumgüter traf vor allem die Zivilbevölkerung; die Ersatzwirtschaft führte zu beträchtlichen Qualitätseinbußen; die Versorgungslage verschlimmerte sich durch die Bombenzerstörungen des Transportsystems und durch das Ende der Nahrungsmittelzufuhren aus den eroberten Gebieten. Gleichzeitig erhöhte sich die reguläre Wochenarbeitszeit von 48 auf 60 Stunden. Überdies gefährdeten die Luftangriffe der Alliierten Menschen und deren Besitz immer mehr. Trotz dieser großen Einbußen an Lebensqualität für die deutsche Bevölkerung ist deren neue Situation nicht mit jener noch sehr viel schlechteren Lage der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, der Kriegsgefangenen, der KZ-Häftlinge sowie der Zivilbevölkerung in den noch immer besetzten Gebieten zu vergleichen. Unsäglich war besonders die Not im europäischen Russland, dessen Industrieanlagen außerdem beim Rückzug der deutschen Truppen fast ganz zerstört wurden. Aber auch das zukünftige Siegerland Frankreich hatte unter dem Krieg unverhältnismäßig zu leiden. Der Produktionsindex betrug am Ende des Krieges dort nur mehr die Hälfte der ohnehin sehr bescheidenen Ziffer von 1938. (Das Land musste zudem während des ganzen Kriegs hohe Besatzungskosten an Deutschland zahlen: 1940 überwies Frankreich 9,3 % seines eigenen Bruttosozialproduktes nach Deutschland, 1943 waren es schon 31,3 %.)

    Je klarer sich die Niederlage Deutschlands abzuzeichnen begann, umso verstärkter wurden auf Seiten der Alliierten, aber auch auf deutscher Seite, Überlegungen zur Nachkriegsordnung angestellt. 1944 rief man aus diesem Grund in Deutschland einen Arbeitskreis für Außenwirtschaftsfragen ins Leben, und seit Herbst 1944 wurde schon überlegt, wie sich Deutschland auf den nach dem Krieg wieder herzustellenden Welthandel vorbereiten könne. Dabei spielte bereits damals die Erkenntnis eine Rolle, dass eine Ausrichtung auf die USA für das "Deutschland der Nachkriegszeit" kaum zu vermeiden sein würde und die im 3. Reich aufgebaute handelspolitische Spezialausrichtung Deutschlands (Autarkie, Südostpolitik, Großraumwirtschaft) einer einschneidenden Korrektur bedürfe.