Judenverfolgung

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Auf angeblichen Rassenunterschieden begründeter Antisemitismus machte die Judenverfolgung zu einem der Kernpunkte nationalsozialistischer Weltanschauung. Bereits im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 war gefordert worden, Juden aus der "Volksgemeinschaft" auszuschließen und sie unter Fremdengesetzgebung zu stellen. Nach der Machtergreifung gingen die Nationalsozialisten sogleich daran, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Neben inszenierten "Spontanaktionen" wie dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 geschah dies hauptsächlich durch Maßnahmen in Rechtsform. Das Gesetz über das Berufsbeamtentum vom 7.4.1933, das Nicht-"Arier" vom Staatsdienst ausschloss, eröffnete eine Serie von Ausnahmegesetzen, die alle auf Ächtung und Entrechtung der jüdischen Mitbürger zielten. Handelte es sich in den ersten Jahren noch um einschränkende Maßnahmen gegen bestimmte Berufsgruppen, wurden mit Erlass der so genannten Nürnberger Gesetze "zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15.9.1935 die Juden allgemein betroffen. Sie verloren die Reichsbürgerschaft, durften mit Nichtjuden keine Ehe schließen und nicht außerehelich verkehren (Rassenschande).

    Damit war die vom Nationalsozialismus angestrebte Trennung zwischen Juden und Nichtjuden vollzogen, und nicht nur das. Die Nürnberger Gesetze lieferten in der Folgezeit auch die Grundlage für den systematischen Ausschluss der Juden aus der staatlichen Gemeinschaft. Nur im Wirtschaftsleben ließ man sie, aus Gründen eines störungsfreien wirtschaftlichen Aufbaus, vorerst gewähren. Mit dem Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung vom 6.7.1938 wandelte sich auch dies: Berufsverbote ergingen, jüdische Firmen wurden "arisiert", d.h. man nötigte ihre Eigentümer zum Verkauf unter Bedingungen, die meist einer Enteignung gleichkamen.

    Die ersten Ausweisungen erfolgten im Oktober 1938. Sie betrafen ca. 17 000 früher in Polen beheimatete Juden. Die polnischen Grenztruppen ließen die Juden nur zögernd ein; tagelang mussten die Abgeschobenen im Niemandsland kampieren. Auf die Nachrichten von der polnischen Grenze hin erschoss am 7.11.1938 der Jude Herschel Grynspan, dessen Eltern sich unter den Ausgewiesenen befanden, in Paris den deutschen Legationsrat vom Rath. Das Attentat nahm die nationalsozialistische Führung zum Anlass eines Pogroms, der so genannten Kristallnacht, bei der es zu unermesslichem Sachschaden und fast 100 Toten kam. Der gelenkten, als "Volkserhebung" ausgegebenen Gewalttat folgten wiederum staatliche Maßnahmen. Mehrere 100 Millionen Reichsmark, die die Versicherungen an die geschädigten jüdischen Eigentümer hätten zahlen müssen, wurden beschlagnahmt, darüber hinaus hatten die Juden "als Strafe" für das Attentat eine Kontribution von 1 Milliarde Reichsmark zu leisten. Weitere Erlasse verstärkten die Diskriminierung.

    Von besonderer Bedeutung wurde die am 12.11.1938 auf einer Konferenz unter Vorsitz Görings diskutierte Absicht, die Juden zur Auswanderung zu drängen. Dies führte im Februar 1939 zur Gründung der "Reichszentrale für die jüdische Auswanderung" unter Leitung des Chefs der Sicherheitspolizei Heydrich, als deren Geschäftsführer zunächst der Abteilungsleiter der Gestapo Heinrich Müller und seit Oktober 1939 Eichmann fungierten. Die Juden Deutschlands mussten sich zu einer "Reichsvereinigung" zusammenschließen; diese requirierte bei vermögenden Juden Mittel, mit denen armen Juden die Auswanderung ermöglicht wurde. Bei Kriegsbeginn waren auf diese oder andere Weise von den über 500 000 Juden, die Anfang 1933 in Deutschland lebten, ca. 260 000 emigriert. Die Zurückgebliebenen hofften immer noch auf eine Normalisierung der Verhältnisse. Auch gestaltete sich die Emigration keineswegs problemlos, da viele Länder nicht bereit waren, mittellose Juden aufzunehmen. Eine Weltflüchtlingskonferenz in Evian am Genfer See, im Juli 1938 vom US-Präsident Roosevelt angeregt, brachte keine Lösung. Einige Delegierte begründeten die ablehnende Haltung sogar mit rassistischen Argumenten, die der nationalsozialistischen Ideologie nahe kamen.

    Der Krieg brachte drei neue, verschärfende Elemente in die Judenverfolgung. Zum einen wurden die Juden von Hitler als Urheber des Krieges hingestellt, der Kampf gegen sie erlaubte jetzt alle Mittel. ("Wenn es dem internationalen Finanzjudentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker der Welt noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa", Rede vom 30.1.39 im Reichstag). Zum zweiten brachten der rasche Vormarsch der deutschen Armeen und die Eroberung weiter Teile Europas Millionen von Juden unter deutsche Herrschaft; das vom Nationalsozialismus beschworene "Judenproblem" potenzierte sich also erst einmal. Und zum dritten boten sich im Osten, in Polen, Russland und im Baltikum, Möglichkeiten, einigermaßen unbemerkt und ungestört den inzwischen beschlossenen Massenmord ins Werk zu setzen.

    Wann Hitler den Befehl zur Vernichtung der Juden gab, ist nicht mehr exakt festzustellen; ein schriftliches Dokument ist nicht erhalten. Verheimlichung und Tarnung kennzeichnen das Unternehmen von Beginn an. Sprachregelungen wie "Sonderbehandlung", "Säuberung" oder "Umsiedlung" für Mordaktionen kursierten. Das Bemühen war um so wirksamer, als auch die mit der "Endlösung" schließlich Beauftragten ihr einen unterschiedlichen Zweck unterstellten. Für SS-Obergruppenführer Heydrich etwa hatte das Wort zunächst einen politischen Sinn: Ein System des abgestuften Terrors sollte die Juden "reif" zur Auswanderung machen. Dementsprechend beschäftigten sich seine Mitarbeiter 1939 und 1940 mit Plänen, im besetzten Polen halbautonome Reservate für Juden zu bilden oder diese nach der französischen Kolonie Madagaskar zu schicken. Im Herbst 1940 begann man mit der Errichtung "geschlossener Wohnbezirke" für Juden unter anderem in Warschau, Lodz, Lublin, Lemberg. Diese Großgettos, in denen wegen Überfüllung und mangelnder Versorgung Seuchen und Unterernährung herrschten, wurden zur Vorstufe einer allgemeinen Zusammenfassung der Juden im deutschen Machtbereich. Unter dem Vorwand, "Saboteure, Spione, Schmuggler und Diebe" zu bekämpfen, kam es zu ersten Massenexekutionen, die von Einsatzgruppen, mobilen Einheiten der Sicherheitspolizei und des SD, durchgeführt wurden.

    Diese Kommandos wurden nach Beginn des Russlandfeldzugs im Mai 1941 zu den ersten Trägern der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik im Osten. Ihren Auftrag, das Hinterland der vormaschierenden deutschen Truppen zu sichern, nutzten sie, um die jüdische Bevölkerung ganzer Städte und Dörfer, einschließlich Frauen und Kindern, als "sicherheitsgefährdend" in Massen umzubringen. Die einzelnen Einsatzgruppen versuchten sich gegenseitig mit ihren "Erfolgs"-Berichten auszustechen. Darin wurden jeweils Tausende von Juden als "erledigt", "liquidiert" oder "der Grube übergeben" gemeldet. Nach Schätzungen fielen den Einsatzgruppen bis Ende 1941 rund 500 000 Menschen zum Opfer.

    Unterstützt wurden sie verschiedentlich durch Wehrmachtseinheiten oder -dienststellen, die vor allem Transportmittel zur Verfügung stellten, wie denn auch die Morde keineswegs so geheim blieben, wie es Apologeten des Nationalsozialismus behaupteten. Die im Spätherbst 1941 anschwellende Partisanenbewegung diente den Einsatzgruppen als willkommener Vorwand für ihre blutige "Arbeit". Um die "seelischen Belastungen" der Täter bei den Massenerschießungen zu verringern - mehrere Kommandoführer hatten Stresssymptome gezeigt, Himmler selbst hatte als Augenzeuge einer Tötung von 200 Menschen in Minsk einen Schwächeanfall erlitten -, wurden um die Jahreswende 1941/42 die ersten Gaswagen eingeführt, in denen man die Juden mittels der Auspuffgase des Motors tötete. Ein Bericht der Einsatzgruppe C meldete am 5.6.1942: "Seit Dezember 1941 wurden mit drei eingesetzten Wagen 97 000 verarbeitet, ohne dass Mängel an den Fahrzeugen auftraten."

    Während die Vernichtungsaktionen der Einsatzgruppen bereits liefen, beauftragte Göring SD-Chef Heydrich am 31.7.1941, einen Entwurf "zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage" vorzubereiten. Nach Fertigstellung des Plans lud Heydrich Vertreter der für die Durchführung nötigen Behörden zum 20.1.1942 nach Berlin ins Kripogebäude Am Großen Wannsee. Auf dieser so genannten Wannseekonferenz wurde das Programm der Judenvernichtung in kaum verhüllter Form ausgesprochen. Die Juden sollten im Osten zum Arbeitseinsatz kommen; in großen Arbeitskolonnen würden sie "straßenbauend" in diese Gebiete geführt, wobei "zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen" werde. Der "allfällig verbleibende Restbestand", bei dem es sich um den "widerstandsfähigsten Teil" handele, werde "entsprechend behandelt werden müssen".

    Mit den Deportationen der Juden aus dem Reichsgebiet hatte man bereits im Oktober 1941 begonnen. Ausgenommen blieben (im Wesentlichen) zunächst Juden mit Kriegsauszeichnungen, in "Mischehe" lebende und solche Juden, die in Rüstungsbetrieben arbeiteten. Für erstere wurde jedoch bald das "Altersgetto" Theresienstadt eingerichtet, in das sich die Juden durch Heimeinkaufsverträge unter Abgabe ihres Vermögens "einkaufen" mussten. Theresienstadt bekam den Anstrich einer "jüdischen Siedlung"; man wagte sogar, es - sorgfältig geschönt - Vertretern des Roten Kreuzes zu präsentieren. Doch auch von hier gingen Transporte weiter in die Vernichtungslager. Bis zum Einsetzen der Deportationen hatten sich die Lebensbedingungen der Juden immer weiter verschlechtert. Mit dem Judenstern gekennzeichnet, diffamiert, schikaniert, ihres Vermögens beraubt, aus ihren Wohnungen vertrieben und als Arbeitssklaven ausgenutzt, lebten sie als rechtlose Parias. Von den Anfang 1941 noch ca. 180 000 Juden im "Altreich" wurden am 1.9.1944 nur noch 14 574 registriert. Auch danach gingen noch zahlreiche Transporte in den Osten; der vermutlich letzte "Alterstransport" nach Theresienstadt verließ Berlin am 27.3.1945.

    Gemäß Heydrichs Ankündigung auf der Wannseekonferenz wurde "Europa von West nach Ost durchgekämmt". Zwar stellten sich in verschiedenen besetzten Ländern Regierung und Bevölkerung der nationalsozialistischen Judenpolitik entgegen (so v.a. Bulgarien, Dänemark, Niederlande, Italien); aber nur selten gelang es, die Juden allgemein vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren. Auf Einzelfälle beschränkten sich die Einsprüche oder gar Sabotageversuche deutscher Militärbefehlshaber gegen die Judenrazzien (General v. Falkenhausen in Belgien, General v. Stülpnagel in Paris), die Regel war eher Mithilfe oder wenigstens Duldung.

    Im Zuge der Vorbereitungen zur "Endlösung" wurde in Auschwitz (50 Kilometer westlich von Krakau) das erste Vernichtungslager geschaffen. Es handelte sich um eine ehemalige österreichische Artilleriekaserne, in der seit Mai/Juli 1940 ein Schutzhaftlager existierte. Diesem KZ wurde in drei Kilometer Entfernung ein Lager angegliedert (Auschwitz II, Birkenau). Der Lagerkommandant Rudolf Höß ließ dort ein Bauernhaus für Vergasungen umbauen und begann mit Probevergasungen. Inzwischen waren in einem anderen Lager im besetzten Polen, in Kulmhof (Chelmno) im Reichsgau Wartheland, die Vorbereitungen für Massenvergasungen abgeschlossen. Von Dezember 1941 an wurden hier Juden aus dem Warthegau und dem Getto Lodz ermordet, bis März 1943 insgesamt 145 000 und 1944 noch einmal vermutlich mindestens 25 000. Dabei setzte man Kohlenmonoxid in Gaskammern ein. In Auschwitz dagegen entschied man sich für das Blausäurepräparat Zyklon B, ursprünglich ein Desinfektionsmittel zur Rattenbekämpfung in Schiffsräumen. Auf Kieselgur aufgezogen und in Dosen abgefüllt, entwickelte es an der Luft Cyanwasserstoff-Dämpfe, die die in Kammern eingesperrten Menschen in wenigen Minuten töteten.

    Ende 1941 nahm die Vergasungsanstalt in Auschwitz-Birkenau den Betrieb auf. Seit Anfang 1942 trafen laufend größere Transportzüge mit Juden ein, zunächst aus den benachbarten Gebieten, dann im Zuge des militärischen Ausgreifens Deutschlands aus zahlreichen europäischen Ländern von Frankreich bis Rumänien. Bei der Ankunft wurden die Juden selektiert: Die Arbeitsfähigen kamen zum Arbeitseinsatz in die SS- bzw. IG Farben-eigenen Produktionsstätten; die Schwächeren wurden vergast. Dieses Schicksal konnte auch ganze Transporte ohne vorherige Selektion treffen. Am 7.10.1944 wurde bei einem Häftlingsaufstand eine Gaskammer gesprengt; die noch bestehenden Anlagen wurden Ende November 1944 von der SS demontiert bzw. im Januar 1945 kurz vor Aufgabe des Lagers zerstört. Die Gesamtzahl der in Auschwitz getöteten Juden ist mangels Registrierung nicht bekannt. Höß sprach im Nürnberger Prozess zunächst von 2,5 Millionen, später von 1,3 Millionen Opfern.

    Die mit der Judenverfolgung Beauftragten erkannten bald, dass für die Vernichtung der europäischen Juden Kulmhof und Auschwitz nicht ausreichen würden. Drei weitere Vernichtungslager wurden eingerichtet: Treblinka (nordöstlich von Warschau), Belzec und Sobibór (beide im Distrikt Lublin). Die "Umsiedlung" der Juden (hauptsächlich aus dem Generalgouvernement) lief unter dem Decknamen "Aktion Reinhard" (nach dem Ende Mai 1942 einem Attentat zum Opfer gefallenen Reinhard Heydrich). Die Tötungsmethode war in allen Lagern überwiegend die Vergasung mit Monoxid aus Kraftfahrzeug- bzw. Panzermotoren. Anfang März 1942 begannen die Vernichtungsaktionen in Belzec. In Sobibór trafen die ersten Transporte im Mai 1942 ein. Treblinka wurde am 23.7.1942 in Betrieb genommen. Eine Selektion fand nicht statt; die Lager waren als reine Vernichtungsstätten geplant. Dabei versuchte man, die Todgeweihten möglichst lange über ihr Schicksal im Unklaren zu lassen: Die Gaskammern wurden als Bäder oder Desinfektionsräume, das Entkleiden der Opfer als hygienische Maßnahme ausgegeben. Hunderttausende gingen so tatsächlich ahnungslos in den Tod. Die persönliche Habe sowie alles, was an den Leichen noch irgend verwertbar schien (Haare, Goldzähne) wurde gesammelt und den Wirtschaftsbetrieben der SS zur Verfügung gestellt. Der Leiter der Aktion, SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik, gab 1943 den Gesamtwert der Gegenstände mit 180 Millionen Reichsmark an.

    Im Sommer 1942 kam es kriegsbedingt zu Transportschwierigkeiten. In den Lagern wurde die erzwungene Pause zu Kapazitätserweiterungen genutzt. Nach den Umbauten konnten die Anlagen in Belzec 1500, die in Treblinka 4000 und die in Sobibór 1200 bis 1300 Menschen fassen. Seit Anfang August 1942 lief die Vernichtungsmaschinerie wieder auf Hochtouren. Ende 1942 konnte der größte Teil der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements (ca. zwei Millionen) als ermordet gelten; man beschloss die Lager aufzulösen. Vorher jedoch sollten die Spuren beseitigt werden. In einer "Enterdungsaktion" wurden die in Massengräbern verscharrten Leichen ausgegraben und in Tag- und Nachtarbeit verbrannt. In Sobibór und Treblinka traten Verzögerungen ein, weil einige Gettos wegen der Weigerung deutscher Firmen, ihre jüdischen Arbeiter herauszugeben, nicht in der vorgesehenen Zeit geräumt wurden, oder weil es dort zu jüdischem Widerstand kam.

    So wagte am 19.4.43 eine Kampforganisation von ca. 1500 Männern und Frauen im Warschauer Getto einen Aufstand, der erst Mitte Mai durch Einheiten unter SS-Brigadeführer Stroop niedergeschlagen wurde. Im November 1943 war die "Aktion Reinhard" abgeschlossen. Daneben und besonders zeitlich danach fanden weitere Vernichtungsaktionen statt, die zumeist Juden betrafen, die in kriegswichtigen Betrieben arbeiteten und in Lagern in der Nähe dieser SS-eigenen oder privaten Produktionsstätten lebten. Sie wurden seit November 1943 im KZ Maidanek (bei Lublin) und in den Lagern Poniatowo und Trawniki erschossen. In den besetzten Teilen der UdSSR und im Baltikum hatten zahlreiche Juden überlebt, da die Einsatzgruppen häufig ihren Standort wechselten, um mit dem Vormarsch der deutschen Armeen Schritt zu halten. Für sie wurden in Libau, Dünaburg, Wilna, Kowno und Minsk Gettos eingerichtet - Vorstufe zu Massentötungen, die zwischen August 1941 und Oktober 1942 durchgeführt wurden.

    Die genaue Zahl der im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich umgebrachten Juden lässt sich nicht feststellen. Schätzungen sprechen von rund fünf Millionen. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, in den Nachfolgeprozessen und bei späteren Gerichtsverhandlungen wurden Teile des Völkermordes aufgeklärt. Durchweg zeigten die Mitwirkenden an der industriemäßig betriebenen Tötung wenig Einsicht; stereotyp ihre Berufung auf einen Befehlsnotstand. Dabei gelang es keinem nachzuweisen, dass ihm mehr als dienstliche Nachteile (wie Versetzung, ausbleibende Beförderung usw.) entstanden wären, wenn er sich der Teilnahme am Vernichtungswerk entzogen hätte. Wie das Fabrikmäßige, der "technische Genocid ohne Pogromstimmung" (Broszat), gehören auch die "grundsätzliche Befehlsergebenheit und ein falsch verstandenes Pflichtgefühl gegenüber den Anordnungen der obersten Staatsführung" (Kulmhof-Urteil des Schwurgerichts Bonn 1963) bei den Tätern zu den Merkmalen des größten Massenmords der deutschen Geschichte.