Henri Philippe Pétain

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    französischer Marschall und Politiker

    geboren: 24. April 1856 in Cauchy-à-la-Tour gestorben: 23. Juli 1951 in Port Joinville

    Henri Philippe Pétain als Angeklagter 1945

    1876 Offizier, im 1. Weltkrieg als General Korpsführer, 1915 Oberbefehlshaber der 2. Armee, 1916 "Retter" Verduns, 1917 Oberbefehlshaber des Heeres, 1922-31 Generalinspekteur der Armee, 1931 Inspekteur der Luftverteidigung, 1934 kurzzeitig Kriegsminister, 1939 Botschafter in Madrid. Als Helden des 1. Weltkriegs und nationale Vaterfigur berief Ministerpräsident Reynaud Pétain, dessen Fixierung auf die Defensive die strategische Doktrin des französischen Generalstabs in der Zwischenkriegszeit geprägt und damit die Katastrophe programmiert hatte, nach Beginn des deutschen Angriffs (10.5.40) ins Kabinett und musste ihm am 16.6.40 als Regierungschef weichen. Pétain hielt ein Weiterkämpfen aus den Kolonien heraus oder durch Bildung einer britisch-französischen Union für aussichtslos und ließ am 22.6.40 den Waffenstillstand mit Deutschland unterzeichnen.

    Am 10.7.40 wählte ihn die Nationalversammlung in Vichy zum Chef des "État Francais" und erteilte ihm sehr weitreichende Vollmachten. Gegenüber der deutschen Besatzungsmacht verfolgte Pétain einen Doppelkurs der begrenzten Zusammenarbeit und gleichzeitiger Verweigerung. So gelang es ihm beim Treffen mit Hitler in Montoire (24.10.40), Frankreich aus den deutschen Kriegsplänen herauszuhalten und später den engagiertesten Verfechter totaler Kollaboration Laval zeitweilig kaltzustellen; auch die Verbindung zu den Alliierten ließ er nie ganz abreißen. Andererseits wehrte er sich kaum gegen die Rekrutierung von französischen Zwangsarbeitern oder die Deportation der jüdischen Bürger und förderte die Bildung der Légion des Volontaires Français für den Kampf an der Seite der Wehrmacht gegen die UdSSR. Er befahl den französischen Truppen am 8.11.42 den Widerstand gegen die alliierte Landung "Torch", nicht aber gegen die folgende Besetzung Restfrankreichs im Rahmen des deutschen Unternehmens "Anton". Er erreichte durch solches Wohlverhalten jedoch kaum deutsche Zugeständnisse, v.a. nicht die erhoffte Freilassung der französischen Kriegsgefangenen, und war in der Folgezeit nur noch Galionsfigur, die Regierungsgeschäfte führte unter direkter deutscher Aufsicht Laval.

    Treffen zwischen Hitler und Pétain (links) am 22. Oktober 1940 in Montoire

    Bei Herannahen der Alliierten 1944 wurde Pétain zunächst (20.8.) nach Belfort, dann (8.9.) nach Sigmaringen verbracht, wo er sich als Gefangenen bezeichnete und alle politischen Kontakte mit Vertretern der Reichsregierung verweigerte. De Gaulle hätte seinen einstigen Regimentskommandeur und langjährigen Gönner lieber im Schweizer Exil gesehen, doch stellte sich Pétain am 26.4.45 den französischen Behörden. So kam es vom 25.7. bis 15.8.45 in Paris zum ersten Hochverratsprozess gegen einen Marschall von Frankreich und mit 14 zu 13 Richterstimmen zum Todesurteil, das wegen des hohen Alters des Angeklagten in lebenslängliche Festungshaft auf der Insel Yeu umgewandelt wurde. Pétains Wunsch nach Beisetzung auf dem Heldenfriedhof Douaumont blieb unberücksichtigt, auch 1966 zum 50. Jahrestag der Schlacht von Verdun konnte sich Staatspräsident de Gaulle nicht zu einer solchen Geste nationaler Aussöhnung entschließen.