Frankreichfeldzug

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    (Westfeldzug), Bezeichnung für die militärische Operationen in Westeuropa nach dem deutschen Angriff am Morgen des 10.5.40 bis zur Kapitulation Hollands (14.5.), Belgiens (28.5.) und Frankreichs (22.6.). Nach den britischen und französischen Kriegserklärungen vom 3.9.39, die Hitler zwingen sollten, den am 1.9.39 gegen Polen begonnenen Krieg zu beenden, hatte Frankreich am 6.9.39 im Raum Saarbrücken eine eher symbolische Offensive mit 2 motorisierten Divisionen, 2 Infanteriedivisionen und 4 Panzerbataillonen begonnen, die bald im Vorfeld des Westwalls liegen blieb. Nach dem deutschen Sieg über Polen kam es an der deutsch-französischen Front zunächst zum Sitzkrieg. In dieser Zeit liefen die deutschen Vorbereitungen für einen Frankreichfeldzug (Fall "Gelb") an; erster noch unausgereifter Plan vom 19.10.39. Die endgültige Fassung des Operationsplans stammte von General von Manstein, abgestimmt mit dem Panzerexperten Guderian, und wurde vom OKH am 24.2.40 als neue Aufmarschanweisung ("Sichelschnitt") vorgelegt. Manstein sah einen Frankreichfeldzug in zwei Phasen vor: Vorstoß mit Schwerpunkt südlich Namur gegen Somme und Kanalküste, damit Vernichtung der alliierten Armeen in Belgien, und nach Umgruppierung Vormarsch aller Kräfte nach Süden zur Zerschlagung der übrigen alliierten Verbände. Die Missachtung der Neutralität der Benelux-Staaten war Teil des Plans.

    Revolutionär an dem Vorhaben, das in der deutschen Generalität höchst skeptisch beurteilt wurde, war der Stoß starker Panzerverbände durch die dicht bewaldeten, wegearmen Ardennen - wie sich zeigen sollte, der spätere Angelpunkt der alliierten Niederlage. Manstein rechnete mit einem britisch-französischen Einrücken in Belgien, wie es im so genannten Dijle-Plan vorgesehen war. Trotz der belgischen und niederländischen Neutralitätserklärungen beschloss das alliierte Oberkommando unter General Gamelin am 23.11.39 diesen Vorstoß unter Verlängerung des linken Flügels bis nach Südholland hinein für den Fall eines deutschen Angriffs. Der deutsche Aufmarsch sah daher bei Angriffsbeginn so aus: Im Norden die Heeresgruppe B (v. Bock) mit den Armeen 18 (v. Küchler) und 6 (v. Reichenau), unterstützt durch die Luftflotte 2 (Kesselring), gegen die niederländische Armee (Winkelman) mit 1 leichten, 8 Infanteriedivisionen, 1 Sperrdivision, 3 gemischten Brigaden und 46 Grenzschutzbataillonen, die belgische Armee (König Leopold III.) mit 2 Kavallerie-, 2 Ardennenjäger- und 18 Infanteriedivisionen und die französische Heeresgruppe 1 (Bilotte) mit den British Expeditionary Forces (Gort) und den französischen Armeen 7 (Giraud) und 1 (Blanchard), insgesamt 29 deutsche gegen rund 60 alliierte Divisionen. Der Angriffsschwerpunkt lag bei den Panzergruppen der Heeresgruppe A (v. Rundstedt) im Mittelabschnitt mit den Armeen 4 (v. Kluge), 12 (List) und 16 (Busch), unterstützt durch die Luftflotte 3 (Sperrle), gegen die französische 9. und 2. Armee (Corap und Huntziger), d.h. 45 deutsche gegen 18 französische Divisionen. Im Süden marschierte im Westwall-Bereich und an der Oberrheinfront die Heeresgruppe C (v. Leeb) mit den Armeen 1 (v. Witzleben) und 7 (Dollmann) auf. Ihnen gegenüber lagen die französische Heeresgruppen 2 (Prételat) und 3 (Besson) mit den Armeen 3 (Condé), 4 (Réquin) und 5 (Bourret) bzw. 8 (Garchery) und 6 (Touchon), d.h. 19 deutsche gegen 27 französische Divisionen. Die französische Armee bot 3 Panzer-, 5 leichte Kavalleriedivisionen, 1 Kavalleriebrigade, 4 leichte mechanische, 7 motorisierte., 55 Infanterie- , 14 Kolonialdivisionen und 3 Spahi-Brigaden auf. Großbritannien entsandte 10 Infanteriedivisionen und später 1 Panzerdivision; daneben bestand eine polnische Division: insgesamt 131 alliierte Divisionen und 7 Brigaden mit 3373 Panzern gegenüber 137 deutschen Divisionen mit 2445 Panzern (10 Panzer-, 7 motorisierte, 1 Kavallerie-, 1 Luftlande- und 1 Flieger- sowie 117 Infanteriedivisionen). Gegen die 3834 deutschen Flugzeuge (davon 1482 Bomber und Sturzbomber, 42 Schlachtflugzeuge, 1016 Jäger und 248 Zerstörer) boten die Alliierten 2372 Maschinen (davon 1151 Jäger) auf.

    Der deutsche Angriff begann am 10.5.40 um 5.35 Uhr, um 7.00 Uhr befahl der alliierte Oberbefehlshaber Gamelin das Einrücken in die Dijle-Stellung, die Besetzung Zeelands und den Vorstoß auf Rosendael, Breda und Tilburg. Trotz zahlenmäßiger alliierter Panzerüberlegenheit nahm der Frankreichfeldzug den von deutscher Seite geplanten Verlauf. Nach Luftlandungen in der "Festung Holland" und einem verheerenden Luftangriff auf Rotterdam brach der niederländische Widerstand rasch zusammen. Am Morgen des 15.5. unterzeichnete General Winkelman die Kapitulation seiner Armee (2890 Tote, 29 Vermisste, 6899 Verwundete). In Belgien wurde die Festung Eben Emael am Albertkanal durch in Lastenseglern abgesetzte Kommandos ausgeschaltet, am 16.5. durchbrach die Heeresgruppe B die Dijle-Stellung, am 17.5. fiel Brüssel. Am 19.5. erreichten deutsche Panzer Abbeville, am 20.5. die Sommemündung. Alliierte Maßnahmen zum Aufhalten der deutschen Panzerkorps Hoepner, Hoth, Reinhardt und Guderian erfolgten zu spät und unter Verkennung der tatsächlichen Bedrohung mit zu schwachen Kräften. Das Tempo des deutschen Vordringens und das massive Eingreifen der deutschen Luftwaffe zur Unterstützung des Heeres untergruben die Kampfmoral vieler französischer Verbände. Die anhaltenden alliierten Niederlagen führten am 19.5. zur Ablösung des Oberbefehlshabers Gamelin durch General Weygand. Nach nur 10-tägigen Kämpfen waren alle nördlich des deutschen "Sichelschnitts" operierenden alliierten Armeen abgeschnitten. Die belgische Armee kapitulierte am 28.5. mit rund 500 000 Mann, nachdem sie auf engem Raum zusammengedrängt worden war und Maßnahmen zur Evakuierung nicht existierten. König Leopold III. ging mit seinen Soldaten in Gefangenschaft. Belgien hatte 7500 Gefallene und 15 850 Verwundete zu beklagen. Von den im Raum Dünkirchen eingeschlossenen alliierten Soldaten konnten durch Zusammenraffen aller verfügbaren Schiffe (848) 338 226, darunter 123 000 Franzosen, unter Verlust der gesamten Ausrüstung nach Großbritannien evakuiert werden (Operation "Dynamo"). Ihr Entkommen wurde durch einen Haltbefehl Hitlers, der eine Überdehnung der Flanken befürchtete, für die Panzer am 24.5. begünstigt. Die Luftwaffe flog rund 2000 Einsätze gegen die Einschiffungsplätze, konnte aber, u.a. wegen der verminderten Bombenwirkung am Strand, die Evakuierung lediglich behindern. Am 5.6.40 leitete die deutsche Heeresgruppe B mit der zweiten Operationsphase ("Rot") den eigentlichen Frankreichfeldzug ein. Vergeblich versuchten 49 französische Divisionen der Heeresgruppe 3 mit den Armeen 10 (Altmeyer), 7 und 6 in der - an der Somme und unteren Aisne improvisierten - "Weygand-Linie" das Unheil aufzuhalten. Als am 9.6. die Panzergruppe Kleist die untere Seine erreichte, trat auch die Heeresgruppe A mit den Armeen 2 (v. Weichs), 12 und 16 sowie der Panzergruppe Guderian an der oberen Aisne und der Maas in allgemeine Richtung Südost zur Offensive an. Die französische Hauptstadt fiel kampflos am 14.6. Am gleichen Tag begann der Angriff der deutschen Heeresgruppe C gegen die Maginot-Linie, die am 16.6. durchbrochen wurde. Am nächsten Tag erreichten Guderians Panzer bei Pontarlier die schweizerische Grenze, sodass die französischen Armeen 2, 3, 5 und 8 (rund 500 000 Mann) in der Maginot-Linie und in Lothringen eingeschlossen waren. In dieser kritischen Lage unterbreitete der britische Premier Churchill am 16.6. der zwei Tage zuvor nach Bordeaux ausgewichenen französischen Regierung den Vorschlag, eine Union ihrer beiden Staaten zu bilden (eine Staatsangehörigkeit, eine Regierung, eine Wehrmacht). Churchill wollte den Krieg von den französischen Kolonien aus weiterführen und die starke französische Flotte für Großbritannien sichern. Das französische Kabinett aber lehnte den Unions-Plan ab und trat zurück. Marschall Pétain wurde neuer Regierungschef und suchte am 17.6. in aussichtsloser Lage um Waffenstillstand nach, der am 22.6. im Wald von Compiègne unterzeichnet wurde, mit Italien, das am 10.6. in den Krieg eingetreten war, am 24.6. in Rom. Am gleichen Tag trat bei St. Ursanne das französische XXXXV. Korps (Daille) mit 29 700 Franzosen, 13 022 Polen und 75 Engländern in die Schweiz über. Inzwischen hatten britische und französische Schiffe zwischen dem 14. und 25.6. in weiteren Evakuierungsoperationen ("Cycle" und "Aerial") noch 191 870 überwiegend britische Soldaten nach Großbritannien überführt.

    Seit dem 25.6. um 1.35 Uhr herrschte Waffenruhe in Frankreich. Insgesamt 1,9 Millionen Kriegsgefangene befanden sich in deutscher Hand; Verluste Frankreichs: 121 037 Gefallene und 250 107 Verwundete; Deutschland: 27 074 Gefallene, 18 384 Vermisste und 111 034 Verwundete; Großbritannien: 68 111 Tote, Verwundete, Vermisste und Gefangene, dazu 1526 Mann der RAF. Die deutsche Panzerwaffe büßte im Frankreichfeldzug 683 Kampfwagen und 157 Panzerspähwagen ein, die Luftwaffe verlor im Mai und Juni 40 durch Feindeinwirkung 1220 Maschinen sowie 659 weitere durch Unfälle o.Ä. Die Beute der deutschen Truppen umfasste u.a. 790 000 t Kraftstoff, immens wichtig bei einem deutschen Vorrat, der am 10.5.40 gerade für vier Monate uneingeschränkte Kriegführung gereicht hätte. Nach dem Waffenstillstand blieb Frankreich bis zur Linie westlich von Genf - Dôle/Tours - Mont de Marsan - spanische Grenze besetzt. Die Regierung Pétain amtierte fortan in Vichy. In London rief Brigadegeneral de Gaulle am 18.6. zur Fortsetzung des Widerstands auf (Résistance) und bildete eine Exilregierung. Hitler aber schien mit dem Sieg im Frankreichfeldzug endgültig die deutsche Hegemonie über Kontinentaleuropa errungen zu haben.