Dieppe

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    nordfranzösische Hafenstadt an der Kanalküste mit 26 000 Einwohnern (1939). Dieppe wurde im Frankreichfeldzug am 9.6.40 von deutschen Truppen eingeschlossen, die bis 13.6. die Stadt eroberten und über 20 000 Gefangene einbrachten. Der Hafen wurde in der Folgezeit für das Unternehmen "Seelöwe" ausgerüstet und die Küste später in den Ausbau des Atlantikwalls einbezogen.

    Gegen Dieppe richtete sich die britische Landeoperation "Jubilee" als Probe für die geplante lnvasion des europäischen Festlands: Im Morgengrauen des 19.8.42 erschien vor der Küste eine Armada von 252 Schiffen, die zunächst unbemerkt 6086 Mann der kanadischen 2. Division (Roberts) und zweier britischer Kommandos mit 28 Panzern an Land setzte. Während die Briten westlich von Dieppe die Batterien von Varengeville und östlich die deutschen Stellungen bei Berneval angriffen, ging das Gros der Kanadier etwas später frontal gegen die Stadt vor. Von deutschen Trawlern entdeckt und beschossen, trafen sie auf massives Abwehrfeuer der Heeres- und Marineartillerie. Das Infanterieregiment 71 (Bartel) der 302. Infanteriedivision (Haase) schlug den Zentralangriff schon am Ufer zurück, wo alle Panzer in den Hindernissen steckenblieben und in kürzester Frist außer Gefecht gesetzt wurden. Die anfängliche britische Luftüberlegenheit über dem Kampfraum wurde von deutschen Jägern und Jagdbombern am Vormittag gebrochen, die zudem den Zerstörer Berkeley versenkten. Mit Ausnahme des verlustreichen westlichen Flankenangriffs erreichten die britischen und kanadischen Truppen nirgendwo auch nur entfernt ihre Angriffsziele, die sich bis zum deutschen Divisionshauptquartier in Arques-la-Bataille und zum Flugplatz mehrere Kilometer landeinwärts erstreckten. Gegen Mittag wurde zum Rückzug geblasen, den allerdings nur noch zwei Fünftel der Angreifer antreten konnten: Unter den 4350 Personalausfällen waren 1179 Gefallene und 2190 Gefangene, die RAF verlor 106 Flugzeuge, die Navy 33 Landungsfahrzeuge. Die deutschen Verluste betrugen dagegen nur 311 Gefallene und 280 Verwundete, die Luftwaffe büßte 48 Maschinen ein. Das Desaster von Dieppe wurde von der deutschen Propaganda weidlich ausgeschlachtet, aber auch die Gegenseite profitierte trotz des verheerenden Echos in der öffentlichen Meinung: Neben taktischen und operativen Aufschlüssen gewann sie ein Argument gegen die massiven sowjetischen Forderungen nach einer Zweiten Front, allerdings zu einem horrend hohen Preis. Noch zwei Jahre dauerte die deutsche Besatzung von Dieppe, ehe am 1.9.44 kanadische Truppen die Stadt einnahmen.

    Das Landungsunternehmen von Dieppe hatte noch ein anderes Nachspiel. Die Wehrmachtuntersuchungsstelle ermittelte, dass deutsche Gefangene durch die britischen Kommandos gefesselt worden waren. Hitler ordnete daraufhin zur Vergeltung die Fesselung der britischen Kriegsgefangenen an, was wiederum in England mit Fesselung der deutscher Soldaten in britischem Gewahrsam beantwortet wurde. Erst durch Vermittlung des IKRK konnten diese Maßnahmen schließlich abgestellt werden.