Deutsche Reichsbahn

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    (DR), größtes Unternehmen der deutschen Wirtschaft mit 27 Milliarden Reichsmark Anlagekapital, dem Reichsverkehrsministerium (1937-45 Julius Heinrich Dorpmüller) unterstellt. Die Deutsche Reichsbahn war in 8 Eisenbahnabteilungen gegliedert, nachgeordnet waren die Oberbetriebsleitungen Berlin, Essen und München sowie 29 Reichsbahndirektionen. Das Streckennetz umfasste 1939 rund 62 800 km, davon gut 3000 km elektrifiziert, in unzusammenhängenden Teilnetzen in Süddeutschland, dem angegliederten Österreich (= Ostmark), Mitteldeutschland und Schlesien. Die elektrifizierte Verbindung Süddeutschland-Leipzig wurde noch 1942 hergestellt. Ende 39 waren 971 000 Menschen bei der Deutschen Reichsbahn beschäftigt, der Fahrzeugpark umfasste etwa 23 000 Lokomotiven, davon 500 E-Loks, 1900 Triebwagen, 69 000 Personen-, 21 000 Gepäck- und 605 000 Güterwagen.

    Die militärischen Transporte unterstanden dem Chef des Transportwesens, General der Infanterie Rudolf Gercke, im Generalstab des Heeres, der in Personalunion Wehrmachttransportchef im OKW war. Seine Dienststellung entsprach dem eines Kommandierenden Generals; er verfügte über 1. Feldtransportabteilung für Planung und Durchführung der Truppen- und Versorgungstransporte; 2. Planungsabteilung für Organisation des Transportwesens, Bau und Betrieb von Verkehrswegen; 3. Heimattransportabteilung; 4. Personalabteilung; 5. Nachrichtenabteilung für Aufbau und Betrieb eines eigenen Fernmeldewesens mit entsprechenden Nachrichtentruppen (4 und 5 erst im Krieg entstanden). Darüber hinaus war ihm der "Befehlshaber der Eisenbahnpioniertruppen" unterstellt.

    In der ersten Kriegsphase blieben die Probleme relativ gering. Nach dem Frankreichfeldzug wurden je 3000 belgische und französische Loks "gemietet", die für den gewaltigen Aufmarsch im Osten eingesetzt wurden. Da zum Transport eines voll ausgerüsteten Panzerregiments bereits 12 Züge mit mindestens je 40 Waggons gebraucht wurden, rollten in der Endphase des Aufmarschs von über 140 deutschen Divisionen täglich rund 3000 Züge nach Osten; gleichzeitig lief bis zur letzten Stunde der Güteraustausch mit der UdSSR reibungslos. Auf dem Höhepunkt des deutschen Vormarsches Ende 42 umfasste das Streckennetz im Osten etwa 42 000 km, davon 40 000 auf Normalspur umgenagelte Breitspur (beim deutschen Rückzug systematisch zerstört). Zur gleichen Zeit gab die Deutsche Reichsbahn die Gesamtlänge der von ihr betriebenen oder beaufsichtigten Bahnen mit 152 000 km an. Neben rund 112 000 deutschen Eisenbahnern waren im Osten 634 000 Einheimische bei der Bahn tätig. Im Mai 42 befanden sich 110 000 deutsche Güterwagen in Russland, von den eingesetzten 5200 Loks waren bereits 1200 wieder zur Ausbesserung in der Heimat. Ein "Führerprogramm" sah die Produktion von 15 000 "Kriegslokomotiven" in 2 Jahren vor; bis Kriegsende wurden tatsächlich 6500 Stück fertig gestellt unter Verzicht auf alles Entbehrliche und Minimierung der Wartung, eine erstaunliche Rationalisierungsleistung.

    Eine zentrale Rolle spielte die Deutsche Reichsbahn bei den Deportationen von rund 3 Millionen Juden aus allen Gebieten des deutschen Machtbereichs in die Vernichtungslager im Rahmen der "Endlösung". Hinzu kamen weitere zigtausend Opfer durch Massentransporte von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern unter unmenschlichen Bedingungen. Eine gerichtliche Verfolgung der Verantwortlichen bei der Deutschen Reichsbahn blieb nach dem Krieg weitgehend aus: Dorpmüller starb 1945, und der verantwortliche Staatssekretär Albert Ganzenmüller floh zunächst nach Argentinien. Nach der Rückkehr 1954 kamen erst 1957 Voruntersuchungen in Gang, 1973 begann ein Verfahren wegen Beihilfe zum Mord und Freiheitsberaubung im Amt mit Todesfolge. Es wurde 1977 wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten eingestellt.

    Im späteren Verlauf des Krieges erlitt die Bahn zunehmend Verluste durch Partisanen im Osten, auf dem Balkan und zuletzt auch in Frankreich. Genaue Zahlen über die Gesamtschäden fehlen, doch gibt es Teildaten: jugoslawische Partisanen etwa zerstörten zwischen 1941 und 45 insgesamt 1684 km Gleis, 830 Bahnstationen, 1918 Loks, 19 759 Waggons und 1077 Eisenbahnbrücken. Seit 1943 wurden die Bahnlinien und -anlagen v.a. durch die US-Luftwaffe systematisch bombardiert, zunächst in Westeuropa, dann zunehmend auch im Reichsgebiet. So wurde der Rangierbahnhof Hamm bei 25 Großangriffen mit rund 10 000 Bomben belegt, der Dortmunder Hauptbahnhof durch 600 Sprengbomben vernichtet. Obwohl gegen Ende keine Linie mehr vor Tieffliegern sicher war und zahlreiche andere Einrichtungen von deutschen Sprengkommandos zerstört wurden, gelang es fast bis in die letzten Wochen, den Personenverkehr einigermaßen aufrechtzuerhalten. Im "Altreich" waren bei Kriegsende unpassierbar: 6200 km Gleis, 4119 Eisenbahnbrücken und 75 Tunnels, bezogen auf 1936 existierten noch 40% der Personen-, 75% der Güterwagen und 65% der Loks.