Charkow

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    sowjetischer Verkehrsknotenpunkt und mit rund 850 000 Einwohnern (1940) zweitgrößte Stadt der Ukraine. Zur Absicherung der Eroberung des ukrainischen Industriereviers wurde Charkow im Zuge der Schlacht um Moskau (Angriffsbeginn 30.9.41) am 24.10.41 von Verbänden der deutschen 6. Armee (v. Reichenau) genommen und während der sowjetischen Winteroffensive trotz eines Einbruchs südlich der Stadt bei Isjum gehalten. Nach Kampfpause während der Schlammperiode setzte die sowjetische Südwestfront (Timoschenko) am 12.5.42 mit 5 Armeen zur Rückeroberung von Charkow an und stieß dabei auf die deutsche 6. Armee (Paulus) und die Gruppe Kleist (17. Armee und 1. Panzerarmee). In der entbrennenden Schlacht um Charkow kamen nach Anfangserfolgen deutsche Gegenangriffe seit 17.5. (Unternehmen "Fridericus I.") auf die Flanken des Frontbogens zum Tragen. Da Stalin den Abbruch der Offensive ablehnte, gelang es den deutschen Verbänden, starke sowjetische Kräfte einzuschließen, 240 000 Gefangene einzubringen und damit günstige Voraussetzungen für die Sommeroffensive im Südabschnitt der Front zu schaffen.

    Nach der Katastrophe von Stalingrad bahnte sich im Frühjahr 43 bei Charkow ein weiteres Desaster für die Wehrmacht an, als die Rote Armee mit der Woroneschfront (Golikow) über den Don ging, mit der Südwestfront (Watutin) auf den Donez vorstieß und mit der Südfront (Jeremenko, seit 2.2.43 Malinowski) die deutsche Heeresgruppe Don (später Süd/v. Manstein) zurückwarf. Nachdem der Kommandierende General des II. SS-Panzerkorps Hausser am 16.2. die Stadt befehlswidrig zur Rettung seiner Truppen geräumt hatte, spitzte sich die Lage so zu, dass Hitler zu Manstein nach Saporoschje flog und vorübergehend wieder das Führerhauptquartier "Werwolf" bei Winniza bezog. Dank der beweglichen Kampfführung Mansteins gelang es der deutschen 4. Panzerarmee (Hoth) am 12.3., Charkow erneut zu nehmen, das erst nach dem Scheitern des Unternehmens "Zitadelle" im Rahmen der sowjetischen Gegenoffensive am 23.8.43 von der Steppenfront (Konjew) endgültig befreit wurde.

    Während der hin- und herwogenden Kämpfe um Charkow im Februar/März 43, an denen u.a. die 2. SS-Panzerdivision "Das Reich" und die 3. SS-Panzerdivision "Totenkopf" teilnahmen, kamen Tausende von Einwohnern um. Nach sowjetischen Dokumenten sollen Angehörige der genannten SS-Einheiten an der Erschießung und Folterung von Zivilisten und Kriegsgefangenen beteiligt gewesen sein. Soldaten der Division "Das Reich" wurde die Ermordung von 120 Gefangenen an der Bahnlinie Charkow-Merefa (22 km südwestlich der Stadt) zwischen 15. und 16.2. zum Vorwurf gemacht. Bei der deutschen Rückeroberung von Charkow zeichnete sich die 1. SS-Panzergrenadierdivision Leibstandarte-SS "Adolf Hitler" (LSSAH) unter Obergruppenführer Dietrich aus, nach sowjetischen Angaben allerdings auch bei Terrorakten: Angehörige dieser Einheit sollen am 13.3. etwa 300 sowjetische Verwundete im Bau 8 des 1. Armeekrankenhauses verbrannt haben, nachdem man die Opfer vorher eigens zu diesem Zweck aus dem Bau 3 umquartiert hatte. Wer sich durch Sprung aus dem Fenster retten wollte, wurde erschossen. Am nächsten Tag sollen die etwa 400 Verwundeten der Offiziersabteilung in ihren Betten erschossen worden sein. Im Nürnberger Prozess waren diese Straftaten Gegenstand der Verhandlungen, ohne dass es zu Verurteilungen kam. Ein Teil der Vorgänge wurde im Verfahren 85 Js 58-59/72 der Staatsanwaltschaft Stuttgart untersucht, das im Dezember 73 eingestellt wurde. Bereits im Dezember 43 fand gegen den in Gefangenschaft geratenen ehemaligen Abwehroffizier eines Lagers in Charkow Wilhelm Langheld sowie gegen Angehörige der Geheimen Feldpolizei und einen russischen Kraftfahrer in Charkow ein Prozess im Zusammenhang mit diesen Taten statt. Die Angeklagten wurden nach Todesurteil am 19.12.43 öffentlich auf dem Roten Platz in Charkow erhängt.

    Die Stadt war seit 1943 auch Standort zunächst eines Sammellagers für deutsche Gefangene, dann der Uprawlenije 7149. In der Lagergruppe wurden etwa 45 000 deutsche Soldaten untergebracht, die zunächst hohe Sterblichkeit (1943/44 rund 500, 1945/46 rund 400 Todesfälle) ging später deutlich zurück. Dagegen war in dem am 1.1.45 eingerichteten so genannten Erholungsheim in Wysoki, von den Gefangenen als "Hungerlazarett" bezeichnet, die Todesrate noch lange hoch. Insgesamt sind dort etwa 5000 deutsche Soldaten beerdigt.