British Broadcasting Corporation

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    (BBC), staatliche britische Rundfunkgesellschaft, 1922 als privatrechtliche AG gegründet, 1927 öffentlich-rechtliche Anstalt. In Deutschland auch als "Londoner Rundfunk" bekannt, wurde die BBC im Krieg wichtigstes Instrument der britischen psychologischen Kriegsführung, mit dem der NS-Propaganda weltweit begegnet werden sollte. Unter seinem Präsidenten Sir Allan Powell arbeitete der Sender eng mit der britischen Regierung zusammen: der Home Service für das Inland insbesondere mit dem neu gegründeten Informationsministerium, die fremdsprachigen Dienste mit dem Foreign Office und dessen Political Intelligence Department. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter wuchs von 4889 bei Kriegsbeginn auf 11 479 im April 45. Das Organisationsmodell der BBC stand nach dem Krieg bei der Neuordnung des Rundfunkwesens in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands Pate.

    Politische Sendungen in deutscher Sprache hatte die BBC bereits am 27.9.38 anlässlich der Sudetenkrise aufgenommen. Sie wurden nach Kriegsausbruch von anfänglich 7 auf rund 28 (1941) und fast 35 Stunden (1943) monatlich gesteigert. Der Deutsche Dienst rangierte damit im Europaprogramm, das schon im Dezember 39 in 14 Sprachen ausgestrahlt wurde, nach Englisch und Französisch an dritter Stelle. Beim deutschen "Blitz" wurde das Broadcasting House am Portland Place mehrfach von Bomben getroffen, der Sendebetrieb ging jedoch ohne große Störungen weiter. Prominente Schriftsteller wie J.B. Priestley oder Thomas Mann sprachen über die BBC. Im Deutschen Dienst, der von Hugh Carleton Green geleitet wurde, antwortete Sefton Delmer regelmäßig auf die Kommentare von Fritzsche im Großdeutschen Rundfunk. Mit seinen Fremdsprachenprogrammen war der Sender zudem für die von den Deutschen besetzten Gebiete eine Informationsquelle ersten Ranges.

    Die Stimme von Lindley Fraser, Chefkommentator beim Deutschen Dienst, wurde Millionen von "Feindhörern" in Deutschland ebenso vertraut wie die von Gordon Walker, der sich in einem der vielen Sonderprogramme speziell an die deutschen Rüstungsarbeiter wandte. Flüchtlinge aus den besetzten Ländern gestalteten Programme für ihre Landsleute. Künstler, Intellektuelle und Journalisten aus der deutschen Emigrantenkolonie waren in den Studios und Redaktionen des Deutschen Dienstes zahlreich vertreten, aber auch Kriegsgefangene wirkten unter Decknamen mit wie auch beim Soldatensender Calais. Über die BBC richtete de Gaulle am 18.6.40 seinen historischen Appell an die Franzosen. Bis zur Befreiung blieb die Sendung "Les Français parlent aux Français" das wichtigste Bindeglied der Londoner Gaullisten zur Heimat.

    In Kurzwellensendungen nach Indien und Lateinamerika wirkte die BBC der japanischen und deutschen Auslandspropaganda entgegen; spezielle Programme wurden für die britischen Truppen in Übersee produziert. Direkt ins Kriegsgeschehen griff der Sender ein mit kodierten Botschaften an die Widerstandsorganisationen in den besetzten Ländern z.B. über die Ankunft von Verbindungsleuten oder den Einflug von Waffenlieferungen; berühmtester Fall: Einblendung von Verszeilen aus einem Gedicht von Verlaine als Zeichen für die Résistance für die unmittelbar bevorstehende Invasion, was freilich auch der Abwehr bekannt wurde. Bei diesen verschlüsselten Botschaften arbeitete die BBC mit der Special Operations Executive (SOE) zusammen. Im letzten Kriegsjahr wurde allmählich wieder auf Friedensbetrieb umgestellt, was z.B. durch Wettermeldungen zum Ausdruck kam, die bis dahin aus militärischen Gründen untersagt waren.

    Das Ziel der Propaganda der BBC-Sendungen, die von den deutschen Überwachungsorganen als hochgefährlich eingestuft wurden, bestand in der Vermittlung neuer Leitbilder für politisches Verhalten, in der Erschütterung des Vertrauens in die nationalsozialistische politische und in die militärische Führung und in der Motivation zum Umsturz. Psychologisch sehr geschickt war schon das Sendezeichen mit dem pochenden Schicksalsmotiv aus der 5. Sinfonie von Beethoven. Zur Wirkung auf ihre deutsche Zielgruppen vertrat die BBC nach dem Krieg die Auffassung, der totale Rundfunkkrieg gegen das Deutsche Reich sei nicht wegen der überlegenen Wahrheitsrhetorik gewonnen worden, sondern ausschließlich wegen der "höheren Prinzipien", die die BBC stets vertreten habe. Jede erfolgreiche Rundfunkarbeit müsse "objektiv, nicht propagandistisch" sein. Obwohl die BBC bei ihren deutschen Hörern ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit besaß, lässt sich ihre Wirkung in Bezug auf die Zielsetzung kaum bestimmen, da es wegen des offiziellen Abhörverbots keine entsprechenden Erkenntnisse gibt und auch Umfragen der US-Luftwaffe nach dem Krieg nur vage Ergebnisse brachten.