Berlin (Stadt)

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Hauptstadt und kultureller Mittelpunkt des Deutschen Reiches mit 4,34 Millionen Einwohnern (1939). Aus politisch-propagandistischen Gründen, aber auch wegen der in und um Berlin konzentrierten Industrie war die Stadt Hauptziel der alliierten Luftangriffe, die schon am 8.6.40 mit dem Einflug eines französischen Flugzeugs begannen. Es folgten insgesamt 363 weitere v.a. britische und amerikanische, gegen Kriegsende auch sowjetische Bombardierungen. Dabei fielen 45 517 t Bomben, die trotz umfassender Luftschutz-Maßnahmen über 50 000 Zivilisten töteten und die Stadt fast völlig verwüsteten; letzter britischer Nachtangriff 18./19.4.45; besonders schwere Zerstörungen richteten die amerikanischen Tagesbombardierungen vom 3.2.45 durch 937 und vom 26.2.45 durch 1112 Maschinen an.

    Im April 45 war Berlin dann Ziel der sowjetischen Berliner Operation, die die Schlacht um die Reichshauptstadt einleitete. Truppen der 1. Weißrussischen Front (Schukow) hatten schon Anfang Februar bei Küstrin die zugefrorene Oder überschritten und einen Brückenkopf gebildet, mussten dann aber nach einem Vormarsch von 500 km in nur 18 Tagen halten. Die deutsche Führung erklärte Berlin, wo noch etwa 2,7 Millionen Menschen' geblieben waren, am 1.2. zur Festung, ließ Standgerichte einführen und zog Volkssturm und Zivilisten zum Bau von Panzersperren und Schützengräben heran. Generalleutnant Reymann, erster Befehlshaber des Verteidigungsbereichs, erließ am 9.3. einen Grundsatzbefehl, nach dem Berlin "bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone" zu verteidigen sei. Er hatte dazu nach deutschen Quellen 46 630 Soldaten, 42 531 Mann Volkssturm sowie 3523 Mitglieder von HJ, RAD und OT zur Verfügung (russische Angaben: insgesamt 300 000 Verteidiger). Berlin wurde in 9 Befehlsabschnitte eingeteilt, um die Stadt ein äußerer Sperrring gelegt und im Innern die Verteidigung in 2 Heeresklassen gestaffelt, wobei die engere der Ringbahn folgte. Im Kern dieses Kerns, genannt "Zitadelle", lag das Regierungsviertel mit dem Führerbunker unter der Neuen Reichskanzlei.

    Die Stawka arbeitete zur Eroberung von Berlin eine kombinierte Großoffensive von 3 Heeresgruppen an Oder und Neiße aus, die am 16.4. anlief und an der beteiligt waren die 1. Weißrussische Front (Schukow) im Zentrum für den Direktstoß auf Berlin, die 1. Ukrainische Front (Konjew) zur südlichen Umfassung und am Unterlauf der Oder die 2. Weißrussische Front (Rokossowski) zur nördlichen Umfassung der Stadt. Trotz dieser weit überlegenen Streitmacht gab es schon zu Anfang Probleme, als Schukows Angriff an den Seelower Höhen ins Stocken geriet. Erst unter den Schlägen der Panzerarmeen Konjews brach die deutsche Oderfront zusammen, sodass die Vorhuten der 1. Weißrussischen Front am 21.4. den nördlichen Stadtrand von Berlin erreichen und zwei Tage später sowjetische Panzer in Neukölln, Tempelhof und Zehlendorf eindringen konnten. Die Zange der flankierenden Heeresgruppen schloss sich am 25.5. westlich von Berlin und die Spitzen der Roten Armee trafen bei Torgau erstmals auf die an der Elbe haltenden US-Truppen.

    Hitler entschloss sich dennoch, in Berlin zu bleiben und die Schlacht von seinem Bunker aus zu leiten. Sie gestaltete sich für die Angreifer überraschend verlustreich und schwierig, da stellenweise um jedes einzelne Gebäude und jede Ruine gekämpft werden musste. Hinzu kamen die über 400 ständigen Befestigungsanlagen, darunter die mächtigen Flakbunker im Zoo, am Humboldt- und am Friedrichshain, die mit ihren 12,8-cm-Geschützen in die Erdkämpfe eingriffen. Die sowjetische Panzerwaffe erwies sich zudem wie schon die deutsche in Stalingrad im Straßenkampf als stumpf. Die nationalsozialistische Propaganda  - vom 23. bis 29.4. erschien ein Kampfblatt für die Berlinverteidiger namens "Der Panzerbär" - versuchte den Durchhaltewillen durch Meldungen über heranrückenden Entsatz zu stärken. Tatsächlich jedoch war ein Gegenangriff der (12.) Armee Wenck am 28.4. bei Ferch aus Kräftemangel liegen geblieben. Am 30.4. setzten Soldaten der sowjetischen 3. Stoßarmee (Kusnetzow) zum Sturm auf den Reichstag an, auf dem die Feldwebel Jegorow und Kantarija um 12.45 Uhr die Rote Fahne hissten; Stoßtrupps arbeiteten sich meterweise ins Regierungsviertel vor, wo der Führerbunker, in dem Hitler am gleichen Tag Selbstmord beging, schon lange unter Dauerfeuer lag. Vergeblich suchte Generalstabschef Krebs am 1.5. bei einem Besuch des Tempelhofer Gefechtsstands von General Tschuikow um Waffenpause nach. Am Tag drauf unterschrieb der letzte Kampfkommandant von Berlin, General der Artillerie Weidling, den Kapitulationsbefehl an seine Truppen und ließ ihn per Lautsprecherwagen in der Stadt verbreiten; am Nachmittag des 2.5.45 gegen 15 Uhr endeten die Kampfhandlungen. 135 000 Verteidiger gingen in Gefangenschaft. Die Rote Armee hatte 1,8 Millionen Artilleriegranaten in Berlin verfeuert und zahlreiche Bombenangriffe gegen die Stadt geflogen, darunter den Großangriff vom 25.4. mit 1486 Maschinen. Nachdem die Sowjets schon an der Oder 33 000 Mann verloren hatten, fielen in Berlin noch einmal 20 000 Rotarmisten, zu deren Gedenken aus Marmorresten der Reichskanzlei das Treptower und das sowjetische Ehrenmal im Tiergarten errichtet wurden.