Belgien

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Die zahlreichen Kanäle in Belgien machten den Einsatz von Schlauchbooten unentbehrlich.

    westeuropäisches Königreich mit 30 500 km² und 8,3 Millionen Einwohnern (1939). Wegen seiner strategischen Lage an der Nordflanke Frankreichs wurde Belgien in beiden Weltkriegen unter Verletzung seiner Neutralität vom Deutschen Reich überfallen. Bei den Angriffsplanungen ging es in beiden Fällen um die Umgehung des ostfranzösischen Festungsgürtels bzw. der Maginot-Linie. Belgien hatte 1920 in einem Militärpakt Anlehnung an Frankreich gesucht, kehrte jedoch 1936 zu einer Politik der bewaffneten Neutralität zurück. Seine Streitkräfte von rund 650 000 Mann konzentrierte Belgien nach Kriegsausbruch an der Ostgrenze, insbesondere als beim so genannnten Mecheln-Zwischenfall (10.1.40) dem belgischen Generalstab Teile des deutschen Aufmarschs bekannt wurden. Es wurden gemeinsame Operationspläne mit Franzosen und Briten ausgearbeitet, deren Armeen bei einem deutschen Angriff nach dem Dijle-Plan in Nordostbelgien einrücken und sich an der Linie Wavre-Löwen mit den belgischen Streitkräften vereinigen sollten.

    Die Verteidigung am 10.5.40 stützte sich außerdem auf die Festungen Lüttich und Namur sowie auf den Albert-Kanal, an dem das als uneinnehmbar geltende Sperrfort Eben Emael lag, das jedoch schon am 11.5. im Handstreich von deutschen Luftlandetruppen ausgeschaltet wurde. Wenige Tage später fielen Lüttich (13.5.), Brüssel (17.5.) und Antwerpen (18.5.). Zehn Tage später war die belgische Armee in Flandern abgeschnitten, sodass König Leopold III. die Kapitulation anordnete und mit seinen Truppen in Gefangenschaft ging. Ihm wurde Schloss Lacken als Zwangsresidenz zugewiesen. Sieben belgische Minister unter Ministerpräsident Pierlot gingen nach London, bildeten eine Exilregierung und setzten den Kampf an der Seite Englands fort. Sie mobilisierten dafür die Ressourcen des afrikanischen Kolonialreichs, u.a. durch Uranlieferungen an die USA, deren Krieg gegen Japan sie am 20.12.41 beitraten. Truppen aus Belgisch Kongo kämpften im Sudan und in Abessinien, in England stellte die Exilregierung neben kleineren Heereseinheiten eine Brigade Libération auf, die an der Befreiung Brüssels am 4.9.44 teilnehmen konnte. Auch mehrere Kriegsschiffe und 2 Flugstaffeln kämpften auf alliierter Seite. Die belgische Handelsmarine verlor 78 ihrer 135 Hochseefrachter in der Atlantikschlacht.

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    Nach der belgischen Niederlage verfügte Hitler die Rückgliederung von Eupen-Malmedy ins Reich. Die Einsetzung eines Reichskommissars blieb Belgien wegen der Anwesenheit des Königs erspart. Es wurde zusammen mit Nordfrankreich der deutschen Militärverwaltung unter Generaloberst von Falkenhausen unterstellt, der sich in Brüssel um eine im Allgemeinen korrekte Behandlung der Zivilbevölkerung bemühte, aber nicht alle Übergriffe von SS und Gestapo verhindern konnte. Insbesondere vermochte er keinen Einfluss zu nehmen auf die Judenverfolgung, der 27 387 belgische Bürger zum Opfer fielen. Ein vorrangiges Ziel der Besatzungsbehörden, das sich mit den Wünschen belgischen Finanz- und Wirtschaftkreise deckte, war die Aufrechterhaltung der belgischen Kohle- und Stahlproduktion für deutsche Rüstungszwecke. Der Ausstoß halbierte sich bis 1944 dennoch durch Kriegseinwirkung und Sabotage. Belgien lieferte zudem Arbeitskräfte für die deutsche Industrie, zunächst Freiwillige (1940/41 ca. 200 000), dann Zwangsarbeiter (bis 1944 ca. 140 000), deren Rekrutierung Erbitterung und Widerstand wachsen ließ.

    Die belgische Résistance, gespalten in die Armée Secrète und die linksgerichtete Front de l'Indépendance, beschaffte in Zusammenarbeit mit der Exilregierung und dem britischen Geheimdienst Nachrichten, schleuste alliierte Flieger aus und verübte Sabotageakte. Einer Gruppe gelang es z.B., die Zerstörung der Hafenanlagen von Antwerpen beim deutschen Rückzug im September/Oktober 44 zu vereiteln. Der Krieg kehrte noch einmal nach Belgien zurück, als durch die deutsche Ardennenoffensive zwei Provinzen erneut verwüstet und Lüttich und Antwerpen unter Beschuss mit V-Waffen genommen wurden. Daraus schöpften die belgischen Kollaborateure Hoffnung, die sich aus flämischen Nationalisten und wallonischen Rexisten unter Degrelle rekrutierten und von denen 31 831 in meist eigenen SS-Formationen auf deutscher Seite kämpften. Dann aber kam die Abrechnung: Insgesamt wurden nach dem Krieg 53 005 Belgier wegen Zusammenarbeit mit dem Feind verurteilt, 1247 Todesurteile verhängt und 242 vollstreckt, rund 20 000 Personen die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Von 1940-44 verloren insgesamt rund 40 000 Soldaten oder Zivilisten ihr Leben, 12 000 kamen in deutsche Konzentrationslager. Am 8.9.44 kehrte die Exilregierung nach Brüssel zurück, am 20.9. wählten Senat und Kammer anstelle des nach Deutschland verbrachten Königs dessen Bruder Charles zum Regenten. Auf Druck v.a. der Sozialisten wurde eine Rückkehr Leopolds III. auch nach Kriegsende verweigert, sodass er schließlich 1951 zugunsten seines Sohnes Baudouin auf den Thron verzichtete.