Baltische Staaten

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    (Baltikum), Sammelbezeichnung für die während und nach dem 1. Weltkrieg entstandenen Republiken an der Ostseeküste zwischen Memel und Finnischem Meerbusen: das an Ostpreußen grenzende Litauen mit 53 000 km² und 2,39 Millionen Einwohnern (1939), Hauptstadt Wilna; daran anschließend Lettland mit 65 800 km² und 1,95 Millionen Einwohnern (1935), Hauptstadt Riga; schließlich bis zum Peipus-See und zur Narwa Estland mit 47 500 km² und 1,1 Millionen Einwohnern, Hauptstadt Reval. Nachdem im Vorfeld des Krieges Litauen vom Deutschen Reich im März 39 zur Herausgabe des Memelgebiets, das es sich 1923 angeeignet hatte, gezwungen worden war, stimmte Hitler im Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23.8.39 der Eingliederung der Baltischen Staaten in die sowjetische Einflusssphäre zu, die baltendeutsche Bevölkerung (ca. 79 000 Personen) wurde im Oktober 39 ins Reich umgesiedelt. Wegen angeblicher faschistischer Provokationen stellte die Sowjetunion den baltischen Regierungen im Juni 40 Ultimaten, ließ unmittelbar darauf Einheiten der Roten Armee einrücken: 15.6. in Litauen, 16.6. in Estland, 17.6. in Lettland, und wandelte die Baltischen Staaten in Sowjetrepubliken um, die antisowjetische Opposition wurde u.a. mit Deportationen bekämpft. Die Westmächte reagierten auf die Annexionen mit Beschlagnahme baltischen Eigentums und baltischer Schiffe in ihren Häfen.

    Im deutschen Russlandfeldzug (Angriffsbeginn 22.6.41) stießen die Truppen der Heeresgruppe Nord (v. Leeb) rasch durch die Baltischen Staaten auf Leningrad vor: Wilna 24.6., Riga 1.7., Reval 24.8. Zunächst von der Bevölkerung freudig begrüßt, erhielt die Wehrmacht Zulauf von zahlreichen Freiwilligen für den Kampf gegen die Rote Armee; u.a. Bildung von lettischen und estnischen Waffengrenadierdivisionen der SS sowie Beschäftigung von baltischen Hilfswilligen. Viele hofften mit deutscher Hilfe die staatliche Selbständigkeit wieder erkämpfen zu können. Um so größer war die Enttäuschung über die harte nationalsozialistische Besatzungspolitik und die gnadenlose Judenverfolgung gerade in den Baltischen Staaten, die dem Reichskommissariat Ostland eingegliedert wurden. Es kam zur Bildung von Partisanengruppen, die v.a. nach der Kriegswende rasch anwuchsen und die Rückeroberung der Baltischen Staaten förderten, die im Sommer/Herbst 44 durch die sowjetische Weißrussische (Tschernjachowski), 1. Baltische (Bagramjan), 2. Baltische (Jeremenko), 3. Baltische (Maslennikow) und die Leningrader Front (Goworow) mit insgesamt 19 Armeen gelang: 13.7. Wilna, 22.9. Reval, 13.10. Riga. Nur im lettischen Kurland hielten vom schnellen sowjetischen Vorstoß zur litauischen Küste von der zerschlagenen Heeresgruppe Mitte (Model, später Reinhardt) abgeschnittene Reste der Heeresgruppe Nord (Frießner, später Schörner) bis Kriegsende stand.