Atlantikwall

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    (Propaganda-)Bezeichnung für die deutschen Verteidigungsanlagen am Ärmelkanal und an der Atlantikküste Frankreichs. Der Atlantikwall wurde zur Abwehr der Invasion seit Sommer 42 errichtet und erstreckte sich in unterschiedlicher Ausbaustärke entlang der über 4000 km langen Küste von Nordholland bis zur spanischen Grenze, der Schwerpunkt lag im Bereich der Heeresgruppe B (Rommel) zwischen Loire und Schelde. Bei einer Führerbesprechung hatte Hitler am 13.8.42 den Bau einer Abwehrlinie von 15 000 befestigten Werken gefordert und für die unterschiedlichen Bunkertypen Entwurfsskizzen gefertigt. Die praktische Ausführung oblag unter Aufsicht der Pioniertruppe der Organisation Todt (O.T.). Anfang 44 waren laut OKW-Tagebuch in Frankreich 126 586 Mann beim Bau des Atlantikwalls beschäftigt, zu über 90% Zwangsarbeiter. In knapp zwei Jahren wurden nach Angaben von Rüstungsminister Speer rund 17,3 Millionen t Beton und 1,2 Millionen t Stahl verbaut; Kostenaufwand ca. 4 Milliarden RM. Zum Zeitpunkt der alliierten Landung in der Normandie waren rund 12 000 Bunker, Kasematten, Unterstände, MG-Nester und sonstige Befestigungsanlagen fertig gestellt. Zu den Eckpfeilern des Atlantikwalls gehörten die drei Kanalinseln sowie U-Boot-Basen und wichtige Seehäfen. Sie wurden Anfang 44 wegen besonderer Bedeutung als mutmaßliche Invasionsziele zu Festungen erklärt. Am weitesten war der Ausbau des Atlantikwalls im Bereich der 15. Armee (v. Salmuth) an der Kanalfront nördlich der Seine fortgeschritten. Er war also gerade dort am stärksten, wo am Invasionstag kein alliierter Soldat an Land ging. Ähnlich wie die Maginot-Linie im Mai 40 hatte der Atlantikwall damit seinen strategegischen Hauptzweck verfehlt.

    Die Gefahr alliierter Lande- und Kommandounternehmen auf dem besetzten Kontinent hatte das OKW erstmals nach dem Kriegseintritt der USA ins Auge gefasst. Am 14.12.41 erging eine Weisung, wonach die Küsten Westeuropas vom Nordkap bis zur Biskaya in einen "zweiten Westwall" verwandelt werden sollten. Die Phase der offensiven Kriegführung im Westen wurde damit offiziell durch eine Verteidigungsstrategie abgelöst, die im Bau des Atlantikwalls ihren sichtbaren Ausdruck fand. In der Weisung 40 vom 23.3.42 erteilte Hitler ausführliche Direktiven zur Küstenverteidigung. Der britische Erkundungsvorstoß gegen Dieppe vom 19.8.42 bewies die Dringlichkeit der Sicherung der Westflanke gegen eine 2. Front der Angloamerikaner, er bestärkte zugleich Hitler in der irrigen Annahme, eine alliierte Großlandung in Nordfrankreich werde vorrangig auf die Eroberung eines leistungsfähigen Nachschubhafens zielen. Die Entwicklung der künstlichen Mulberry-Häfen blieb der Wehrmachtführung verborgen.

    Wie beim Bau des Westwalls inszenierte Goebbels eine massive Propagandakampagne. Einige viel publizierte Paradebeispiele wie die "Offensive Großbatterie" bei Cap Gris Nez sollten der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit die Existenz einer angeblich unüberwindlichen "Festung Europa" suggerieren. Dabei litt der gesamte Festungsbau am Atlantik unter Konzeptionslosigkeit, Kompetenzgerangel und Materialmangel, der sich bei wachsender alliierter Luftüberlegenheit immer weiter zuspitzte. Die Küsten- und Festungsartillerie am Atlantikwall setzte sich aus Geschützen von 28 verschiedenen Kalibern zwischen 7,5 und 40,6 cm zusammen, darunter Schiffsgeschütze, sowjetische und tschechische Beutekanonen sowie museumsreife Modelle aus dem 1. Weltkrieg. Viele Batterien waren mangels geeigneter Feuerleitanlagen nicht imstande, bewegliche Seeziele zu bekämpfen. Zudem waren am Atlantikwall überwiegend "bodenständige" Infanteriedivision stationiert, die aus älteren Reservisten, z.T. auch aus Ostbataillonen, bestanden. Das Durchschnittsalter der Marineartilleristen lag bei 45 Jahren.

    Die deutsche Führung erwartete die Hauptlandung an der engsten Stelle des Ärmelkanals gegenüber von Dover. Hier konzentrierten sich die meisten Verteidigungswerke und Batterien. Von 547 Geschützen der Marineartillerie in Belgien und Nordfrankreich waren 132 am Pas de Calais massiert. Weniger exponierte Küstenabschnitte waren sehr viel schwächer gesichert.

    Das galt auch für die Seinebucht zwischen Le Havre und Cherbourg. Sie wurde von 47 weitreichenden Marinegeschützen bewacht, von denen jedoch nur 27 in Betonkasematten verbunkert waren. Nur 4 von 17 Küstenbatterien schossen auf Seeziele. Zur Verteidigung des Calvados standen den beiden dort stationierten Infanteriedivisionen (716. und 352./Dollmann) ganze 9 Pak zur Verfügung gegenüber 82 bei der 15. Armee an der Kanalfront.

    Niemand kannte die Schwächen des Atlantikwalls gerade in der Normandie besser als Generalfeldmarschall Rommel, der seit Ende 43 als Inspekteur der Küstenverteidigung die Entscheidungsschlacht im Westen vorbereitete. Er war angesichts der erdrückenden gegnerischen Luftüberlegenheit überzeugt, dass sich die Invasion nur in den ersten 48 Stunden am Strand oder überhaupt nicht mehr zurückschlagen ließe. Im Wettlauf mit der Zeit versuchte er im Frühjahr 44, durch Bauarbeiten der Truppe Versäumtes nachzuholen. Gegen Luftlandungen im Hinterland wurden auf Feldern und Wiesen baumlange Pfähle ("Rommelspargel") in den Boden gerammt. Die Strände ließ er mit einem Gürtel aus zersägten Eisenträgern ("Tschechenigel"), Auflaufblöcken und verdrahteten Betonpfosten bespicken. Die verminten Vorstrandhindernisse sollten nach Art künstlicher Korallenriffe amphibische Truppenlandungen bei Flut verraten. Die Alliierten kamen entgegen allen Prognosen jedoch am 6.6.44 morgens 3 Uhr bei Ebbe. Dank absoluter See- und Luftherrschaft durchbrachen sie den örtlichen Atlantikwall schon am ersten Tag an vier der fünf Landestrände. Cherbourg und Le Havre, die beiden Hafenfestungen im Invasionsraum, wurden nach Konsolidierung der Brückenköpfe von Land her aufgerollt.

    Die Ruinen des Atlantikwalls und der Verbindungsstraßen zwischen den Befestigungen sind noch heute an der gesamten Küste zu sehen. Sprengungsversuche schlugen meist fehl.