Atlantikschlacht

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    zusammenfassende Bezeichnung für die den gesamten Krieg über andauernden Kämpfe zwischen den Seestreitkräften (inklusive Luftunterstützung) der Achsenmächte und der Westalliierten im Atlantischen Ozean; im engeren Sinne der Zufuhrkrieg der deutschen Kriegsmarine gegen die britischen Nachschublinien. Es lassen sich dabei 8 Phasen unterscheiden:

    1) September 39 bis März 40: Der Auftakt der Atlantikschlacht war gekennzeichnet von Einzelaktionen, da die deutschen Überwasserstreitkräfte zu direkter Konfrontation zu schwach waren und da die Seekriegsleitung mit nur 23 atlantikfähigen U-Booten die eigentlich vorgesehene Rudeltaktik nicht anwenden konnte. Immerhin gelang die Versenkung von 276 Schiffen mit 937 008 BRT durch deutsche U-Boote bei nur 18 eigenen Verlusten. Hinzu kamen die Versenkung des Trägers Courageous und des Schlachtschiffs Royal Oak, die Erfolge im Handelskrieg durch die Deutschland im Nordatlantik und durch die Admiral Graf Spee im Südatlantik und im Indischen Ozean, die Vorstöße der Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau. Insgesamt verloren die Alliierten und ihre Zulieferer Versorgungsschiffsraum von 1,3 Millionen BRT, ehe das Unternehmen "Weserübung" im April 40 alle Kräfte der Kriegsmarine beanspruchte.

    2) Juni 40 bis März 41: Mit Gewinnung der französischen Atlantikhäfen wuchsen die Möglichkeiten der deutschen U-Boot-Waffe durch Verkürzung der Anmarschwege und der Reparaturzeiten, Wegfall des französischen Gegners, Bindung britischer Kräfte wegen des drohenden Unternehmens "Seelöwe" und Unterstützung durch italienische Boote des Betasom in Bordeaux. Allerdings band das umfangreiche Ausbildungsprogramm der Kriegsmarine zahlreiche Boote, sodass immer nur 12 zugleich im Operationsgebiet zu halten und Rudelangriffe nur beschränkt möglich waren. Probleme bereitete zudem die mangelnde Luftaufklärung, für die erst seit Januar 41 einige wenige Langstreckenmaschinen Fw 200 Condor zur Verfügung standen. Daher stiegen die Versenkungsziffern nicht im erhofften Maße, wenn auch 410 Schiffe mit 2,2 Millionen BRT ausgeschaltet wurden. Über Wasser gab es weiter Einzelerfolge wie beim Unternehmen "Berlin", die sich zusammen mit den Opfern von Luftwaffe und Minen auf 1,1 Millionen BRT summierten, sodass die britischen Neubauten weit hinter den Verlusten zurückblieben. Vergeblich wies jedoch das OKM auf diese Chance zur Niederringung Englands hin; Hitler verweigerte die nötige Unterstützung, da er auf die kontinentale Karte, den Russlandfeldzug, setzte.

    3) April bis Dezember 41: Hatten schon im März 41 rasch steigende Bootsverluste, darunter auch U 47 von Korvettenkapitän Prien, die deutsche U-Bootführung alarmiert, so wuchs nun durch das immer stärkere Engagement der USA zugunsten Englands die Gefahr für die Kriegsmarine. Island erhielt eine US-Garnison, der Mid Ocean Meeting Point für US-Geleitschutz wurde zunächst auf 26 Grad westliche Breite, nach dem Greer-Zwischenfall sogar auf 22 Grad vorverlegt, das Leih- und Pachtgesetz ermöglichte Waffenlieferungen an England, das schon zuvor 50 amerikanische Zerstörer erhalten hatte. Das alliierte Beobachtungsnetz über dem Atlantik wurde immer dichter, sodass die Atlantikschlacht über Wasser nach Verlust der Bismarck bald aufgegeben werden musste. Weiter erfolgreich blieben dagegen zunächst die U-Boot-Rudel, die 325 Schiffe mit über 1,5 Millionen BRT versenkten, und in kleinerem Maße die Hilfskreuzer, denen noch 125 550 BRT zum Opfer fielen. Die Luftwaffe vernichtete 80 000 BRT.

    4) Januar bis Juli 42: Nach dem Kriegseintritt der USA (11.12.41) mehrten sich noch einmal drastisch die deutschen Siegesmeldungen aus der Atlantikschlacht (Juni 42 allein 121 Schiffe mit 595 248 BRT). Da die US Navy Kräfte für den Pazifikkrieg abziehen musste, wurden v.a. vor der amerikanischen Ostküste zahlreiche Frachter Opfer deutscher U-Boote ("Paukenschlag"), zumal dort zunächst fast noch friedensmäßiger Schiffsverkehr herrschte und die US-Marine anfangs das Konvoisystem als "unamerikanisch" ablehnte. Auch fehlte es an Geleitfahrzeugen, weil nun auch große Transporte ins Nordpolarmeer für die bedrängte Sowjetunion gingen (u.a. PQ 17). Erst als auf allen Routen das "Interlocking Convoy System" (ineinander greifender Geleitschutz) aufgebaut war, sanken die Verluste, die insgesamt rund 3 Millionen BRT betrugen bei nur 22 versenkten deutschen U-Booten. Die Überwasser-Atlantikschlacht wurde mit dem deutschen Kanaldurchbruch definitiv beendet.

    5) August 42 bis Mai 43: Die verbesserte amerikanische Abwehr zwang die deutsche Kriegsmarine zur Verlegung der U-Boote aus dem Küstenbereich. Das konnte durch höhere Anzahl der Boote ausgeglichen werden, denen zudem die Schwächung der alliierten Sicherungen durch die Vorbereitung des Unternehmens "Torch" zugute kam, sodass zum Zeitpunkt dieser Landung im November 42 das höchste monatliche Versenkungsergebnis mit über 650 000 BRT erreicht wurde. Der Sieg in der Atlantikschlacht schien so nahe wie nie. Fast schlagartig jedoch griffen Ende März 43 die lange vorbereiteten Maßnahmen der Alliierten zur U-Boot-Bekämpfung: Unterstützung der Geleitzüge durch Support Groups, Schließung der "Luftlücke" über dem Atlantik durch Geleitträger und Fernkampfflugzeuge, Umstellung des Radars auf den Zentimeterwellenbereich, der von den Metox-Geräten der U-Boote nicht erfasst wurde. Zwar gingen noch einmal insgesamt 3,8 Millionen BRT verloren, doch zugleich auch 123 deutsche Boote, davon allein im Mai des Jahres 1943 38 Stück, sodass Dönitz am 24.5.43 die Aussetzung der Atlantikschlacht anordnete.

    6) Juni bis August 43: Da die seit längerem laufenden Entwicklungen technischer Verbesserungen - Elektro-U-Boot, Horchtorpedos, Radarabwehr u.a. - nicht abgeschlossen waren, trat eine Pause ein. Nur in wenigen gefährdeten Randgebieten operierten weiter deutsche Boote und versenkten 328 564 BRT. Allerdings kostete dies 70 Boote.

    7) September 43 bis Mai 44: Ausgerüstet u.a. mit dem Zaunkönig, nahmen die deutschen U-Boote die Atlantikschlacht wieder auf, konnten aber trotz einiger Anfangserfolge den alliierten Nachschub nicht mehr wesentlich stören. Die Einführung des Schnorchels senkte zwar vorübergehend die Bootsverluste, brachte aber keinen Anstieg der Versenkungen. Die Kriegsmarine musste die Vernichtung von 411 216 BRT mit 199 Booten bezahlen.

    8) Juni 44 bis Kriegsende: Die Invasion der Alliierten in der Normandie machte den ganzen Umfang der deutschen Niederlage in der Atlantikschlacht und die Machtlosigkeit zur See deutlich. Der ungeheure Materialstrom, der sich auf den Kontinent ergoss, war über die so genannten Western Approaches über den Atlantik gebracht worden. Weder U-Boote noch Minen oder die Kleinkampfmittel der Kriegsmarine vermochten die Landungsarmada zu gefährden oder ihren Nachschub zu mindern. Nun gingen auch die bombensicheren U-Boot-Basen am Atlantik verloren, sodass die Boote nach Norwegen ausweichen mussten. Trotz der Versenkung von noch einmal 544 526 BRT bei 151 Bootsverlusten war der Tonnagekrieg völlig aussichtslos geworden. Auch die erhoffte "Revolution im U-Boot-Krieg" durch die modernen Elektro-U-Boote vom Typ XXIII (seit Februar 45 im Einsatz) und XXI (l. Boot 30.4.45 ausgelaufen) blieb aus, da die alliierte Bomberoffensive die Produktion gedrosselt und die Indienststellung entscheidend verzögert hatte.

    Ausschlaggebend für den Verlust der Atlantikschlacht waren nicht nur der Ausbau und die Weiterentwicklung der alliierten Abwehrmaßnahmen durch weiträumige Luftüberwachung, Großserienbau von Geleitfahrzeugen, sondern neben der automatischen Hochfrequenzfunkpeilung und dem 9-cm-Radar die Entzifferung des deutschen Funkverkehrs ("Ultra"). Der Einbruch in den Funkverkehr der deutschen U-Boot-Führung gelang den Kryptologen in Bletchley Park erstmals im März 41, nachdem fehlende Walzen der deutschen Enigma-Schlüsselmaschine am 23.2.41 bei den Lofoten auf dem deutschen Vorpostenboot Krebs (V 6301) erbeutet worden waren. Mit dem Wetterbeobachtungsschiff München und U 110 fielen den Briten am 7./8.5.41 weitere wertvolle Unterlagen in die Hände, darunter eine völlig intakte Schlüsselmaschine. Damit konnte Bletchley Park seit Ende Juli 41 die deutschen Funksprüche verzugslos mitlesen, sodass in vielen Fällen die Umleitung von Geleitzügen gelang. Außerdem vermochten so die USA schon vor Kriegseintritt "verdeckt" einzugreifen und vom 1.9.41 an die operative Führung des gesamten Konvoiverkehrs im Nordatlantik westlich 26 Grad Westen zu übernehmen.

    Die "Ultra"-Waffe wurde stumpf, als der deutsche U-Boot-Funkverkehr vom 1.2.42 an in einen eigenen Schlüsselbereich "Triton" mit neuer Schlüsselmaschine "M-4" überführt wurde. Der deutsche Funkbeobachtungsdienst (B-Dienst), der zeitweise sehr erfolgreich arbeitete, drang nun seinerseits in den alliierten Funkschlüssel ein und konnte von Juli bis Dezember 42 die alliierte Konvoisteuerung genau verfolgen. Doch Bletchley Park knackte im Dezember 42 auch "Triton", sodass wieder manche Umleitung um die deutschen U-Boot-Aufstellungen glückte.