Antifa

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Kurzwort für Antifaschismus, antifaschistische Schulung, Politik u.Ä., nach der deutschen Kapitulation v.a. Bezeichnung für eine Bewegung in der UdSSR mit der Aufgabe, die deutschen Kriegsgefangenen durch intensive Schulung von antikommunistischen Einflüssen zu befreien und im "antifaschistischen" Sinne zu erziehen, damit auch sie sich die Sache der "Werktätigen" zu Eigen machen könnten.

    Bereits nach Errichtung des ersten Gefangenenlagers in Temnikow 1941 begann die "Umerziehung" durch sowjetische Politinstruktoren in Zusammenarbeit mit deutschen Emigranten und so genannten antifaschistischen Aktivisten (Überläufer und kollaborationswillige Gefangene). Im Mittelpunkt stand seinerzeit die Gewinnung der Gefangenen zur Mitarbeit bei der psychologischen Kriegführung, die zur Schwächung und schnelleren Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes beitragen sollte. Dazu wurde Mitte 43 das Nationalkomitee Freies Deutschland und der Bund deutscher Offiziere gegründet, die nach der deutschen Kapitulation aufgelöst wurden. An ihre Stelle trat die Antifa-Bewegung.

    Die "Umerziehung" fiel in die Zuständigkeit der Hauptverwaltung für Gefangenen- und Internierungsfragen, Abeilung für politische Arbeit (General Sobolewskij), Referat für antifaschistische Arbeit (Oberst Prichotkow), im Innenministerium (MVD) der Sowjetunion. Ihre Weisungen gingen über die Behörden der Unionsrepubliken an die Polit-Offiziere in den Lagern, wo so genannte Antifa-Aktivs aus Gefangenen gebildet wurden. Ihre oberste Instanz war das ebenfalls aus deutschen Gefangenen bestehende Zentral-Aktiv (auch "antifaschistische Arbeitsgruppe") bei den sowjetischen Lagerhauptverwaltungen. Das Zentral-Aktiv unterstützte die Lager-Aktivs durch operative Hilfe und propagandistisches Auftreten. Schulungsschwerpunkt der Antifa-Aktivs war die Aufklärung über das Wesen des nationalsozialistischen Regimes und seine Verbrechen, die nur durch Abschaffung des kapitalistischen Systems zu überwinden seien. Ferner wurde die Wiedergutmachungspflicht des deutschen Volkes betont, mit der die Fortdauer der Gefangenschaft begründet wurde. Später trat die künftige Gestaltung Deutschlands in den Vordergrund, wobei v.a. die Pläne der Westalliierten als unvereinbar mit den nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Lebensinteressen des deutschen Volkes kritisiert wurden.

    Zur Schulung der Lager-Aktivs wurden über 40 Lager- und bis zu 40 Gebietsschulen errichtet. Daneben gab es 3 Zentralschulen (Ogre, Krasnogorsk, Talica), deren Absolventen für den Einsatz in Deutschland vorgesehen waren. Das Lehrprogramm umfasste: Geschichte der KPdSU, politische Ökonomie, marxistische Philosophie, deutsche Geschichte von den Bauernkriegen bis 1933, Entmilitarisierung und Entnazifizierung, demokratischer Neuaufbau Deutschlands durch die KPD bzw. SED, aktuelle Tagesfragen u.a. Lehrer waren im Allgemeinen sowjetische Professoren und deutsche Emigranten. Die Anforderungen in den Lager- und Gebietsschulen waren niedriger. Die Antifa-Schulen wurden Ende 49 aufgelöst und die Absolventen in die Heimat entlassen. Bis dahin waren seit 1947 durch die Zentralschulen über 15 000, durch die Gebietsschulen etwa 20 000 und durch die Lagerschulen rund 50 000 Mann gegangen.

    Zur Durchsetzung und Verbreitung der Antifa-Doktrinen nutzten die Aktivisten Lagerversammlungen, Gruppenarbeit als effektivstes Mittel, Wandzeitungen und eingängige Schlagworte auf Spruchbändern. Dennoch stieß die Antifa-Arbeit zumindest in der ersten Zeit auf starke Ablehnung bei den Gefangenen. Insbesonders viele Kapitulationsgefangene fühlten sich von den Sowjets betrogen, weil ihnen bei der Waffenniederlegung häufig die Heimkehr versprochen worden war. Hinzu kamen der Unmut über die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern und die Empörung über die zur "Lagerprominenz" gehörenden Aktivisten, die als "Kaschisten" (von Kasch = Brei), "Kaschköppe" und "Nachschlagfresser" beschimpft wurden, weil sie sich Sonderzuteilungen erschlichen und Kameraden bespitzelten. Das betraf natürlich nicht alle Aktivisten, denn es gab auch solche, die ihre Stellung zur Verbesserung der Lage ihrer Mitgefangenen nutzten. Insgesamt hatte die Antifa-Arbeit jedoch kaum Erfolg, weil sie zu dogmatisch ausgerichtet war. Viele Soldaten lösten sich spätestens nach der Heimkehr angesichts der politischen Realitäten vom Kommunismus. Allein für den Aufbau des SED-Staats in der DDR war die Arbeit der Antifa von Bedeutung. Dort wurden ehemalige Aktivisten bei der Postenvergabe bevorzugt.