Alltag im Krieg (Thema)

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Trotz aller Unterschiede sozialer oder regionaler Art war der Alltag für alle Menschen in der Kriegszeit eine Art rastloser Suche - nach den besten Adressen auf dem Schwarzen Markt, nach "Hamster"-Möglichkeiten, nach Läden, wo es noch Waren gab, nach Schutz, Wärme, Licht.

    Mit Rationierung von Lebensmitteln und anderen Gütern reagierten nahezu alle Staaten bei Kriegseintritt. Die deutschen Behörden zeigten sich anfangs darauf wegen des politisch längst einkalkulierten Kriegsrisikos noch am besten vorbereitet. Der Agrarmarkt, im Reichsnährstand erfasst, stand bereits unter fester staatlicher Kontrolle, auch hatte man aus den Versorgungskrisen des 1. Weltkriegs Lehren gezogen und der britischen Blockade vorgebeugt. Bei Beginn der Feindseligkeiten hatte das Reich sechs Millionen Tonnen Getreide und 600 000 Tonnen Fett eingelagert; der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag ermöglichte zudem in den ersten beiden Kriegsjahren umfangreiche Importe. Der totalitäre Staat setzte seine Organisationen zur Güterverteilung und zur Ausschöpfung der letzten Reserven ein: Kinder sammelten Altpapier, Stanniol und Buntmetalle, Korken und "Spinnstoffe"; die NS-Frauenschaft betreute auf den Bahnhöfen durchreisende Landser; die Deutsche Arbeitsfront (DAF) übernahm die Ausgabe von Lebensmittelkarten, die Schiffe ihres Freizeit-"Werks" Kraft durch Freude (KdF) dienten als Lazarette; das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) wurde für Transportaufgaben herangezogen; der Luftschutz war seit 1935 systematisch gefördert und geübt worden, Dachböden waren entrümpelt, Löschteiche angelegt, Schutzräume gebaut worden.

    Schwieriger stellte sich die Lage in anderen Ländern dar, wo man sich auf einen militärischen Konflikt weniger gründlich eingestellt hatte. In Japan etwa garantierte der Staat nur eine tägliche Reisportion, von Juni 1943 an nur noch viermal pro Woche. Sonst blieb die Ernährung dem Einzelnen überlassen. Im besetzten Russland und auf dem Balkan überschwemmten hungrige Städter die bäuerlichen Gegenden, im eingeschlossenen Leningrad verhungerte ein Großteil der Bevölkerung. In Großbritannien förderten die Behörden die Anlage von privaten Gemüsegärten, öffentliche Parks wurden zu Rübenfeldern umgewandelt. Wer mehr oder besser essen wollte, musste sich zu einem Vielfachen der Vorkriegspreise auf dem allenthalben blühenden Schwarzmarkt eindecken. Man versuchte, Substitute zu finden, das deutsche Wort "Ersatz" fand Eingang in zahlreiche andere Sprachen: Ersatzkaffee aus gebrannter Gerste, gerösteter Zichorie oder Eicheln, Ersatzkuchen aus Kartoffeln und Mohrrüben, Ersatzmarmelade aus Steckrüben. Die Umstellung und Verschlechterung der Ernährung steigerte Krankenziffern und Kindersterblichkeit, führte zu Gewichtsverlust und Leistungsminderung beim Einzelnen. Die japanische Propaganda prägte das zynische Schlagwort vom "yase gaman" - "Macht durch Magerkeit" - dem deutschen Slogan "Kanonen statt Butter" eng verwandt.

    Luxusgüter verschwanden mit zunehmender Kriegsdauer ganz. Kosmetische Artikel, Musikinstrumente, Schmuckerzeugnisse waren kaum mehr zu haben, andere Produkte wie Bücher, Blumen, Regenschirme, Ledererzeugnisse gab es selten und in begrenzter Menge. Haushaltsgeräte wurden rar, da Metall fast nur noch Rüstungsbetrieben zugeteilt wurde. In Deutschland riefen die Behörden schon seit April 1940 zur "Metallspende" auf, man demontierte eiserne Einfriedungen, sammelte in Sportvereinen Pokale, schmolz Kirchenglocken ein. Das Deutsche Reich führte zuerst auch die Rationierung von Textilien ein mittels der Reichskleiderkarte, eines jährlichen Bezugsscheins mit 100 Abschnitten (Punkten), die beim Einkauf abzugeben waren: z.B. Rock 20, Sommermantel 35 Punkte. In Großbritannien und den USA versuchte man durch modische Tricks der Knappheit zu begegnen: Den Herstellern wurden kürzere und engere Modelle sowie eine Verringerung der Produktvielfalt verordnet. In Japan ging die Uniformierung am weitesten, die Behörden verlangten Einheitskleidung, "Nationaltracht" oder "Patriotenkostüm" genannt. Selbst der Kimono fiel diesem an den Knöcheln zusammengebundenen Overall zum Opfer.

    Unproblematisch war die Brennstoffversorgung in kohle- oder ölreichen Ländern wie Großbritannien oder den USA, in der Sowjetunion dagegen kam es vor allem im ersten Kriegswinter zu einer Kältekatastrophe, im belagerten Leningrad erfroren Tausende. Im Deutschen Reich regelte ein ausgeklügeltes Bezugssystem die Belieferung mit Hausbrand auch noch in den Ruinen der zerbombten Städte. Symbol wurde hier der "Kohlenklau", eine von der Propaganda erfundene grimmige Figur auf Plakaten und in Vorspannfilmen. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, seinem finsteren Treiben durch sparsamen Umgang mit Licht und Wärme Einhalt zu gebieten. Zunehmend galten Einschränkungen für den privaten Personenverkehr. Autobenzin wurde nur in kleinsten Rationen und zu (kriegs-)wichtigen Zwecken abgegeben. Vor allem im hochmotorisierten Amerika führten Ersatzteilverknappung und Einstellung der PKW-Produktion zu einem Gebrauchtwagenboom und zu einer intensiven Schatten-, Vettern- und Gefälligkeitswirtschaft.

    Mit der Umstellung auf Kriegsproduktion ging eine Vermehrung der Arbeitszeit und eine Verminderung der Freizeitmöglichkeiten einher. In Großbritannien stieg die Wochenarbeitszeit auf 54 Stunden, jeder Bürger zwischen 18 und 60 Jahren musste sich zusätzlich 48 Stunden für Zivildienste zur Verfügung halten, das Streikrecht wurde ausgesetzt. In den USA galt wieder die 48-Stunden-Woche, durch Überstunden wurde in vielen Betrieben zu Tag-und-Nacht-Produktion übergegangen, die Gewerkschaften gaben einige Rechte preis. In Russland war der 12- bis 15-Stunden-Tag die Regel; es wurden zahlreiche Todesfälle durch Erschöpfung gemeldet. Japan kannte überhaupt keine Arbeitszeitbegrenzung, Arbeitspflicht galt bereits vom 12. Lebensjahr an. In Deutschland blieben drastische Erhöhungen zunächst aus; der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen konnte hier die durch Einberufungen entstandenen Lücken schließen. Dazu kamen Einsparungen auf dem Personalsektor durch Einführung neuer Produktionsmethoden. Erst Anfang 1943 brachten die Mobilisierungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem totalen Krieg eine Erhöhung der Arbeitszeit in der Rüstungsindustrie auf 12 Stunden und mehr (Kriegswirtschaft).

    Am sichtbarsten wurde der radikale Wertewandel durch die massenhafte Einbeziehung der Frauen in die Arbeitswelt dokumentiert. In der UdSSR betraf dies vorwiegend die Landwirtschaft, in Japan dagegen wurde die weibliche Landbevölkerung zu Hunderttausenden für die Arbeit in den Industriezentren rekrutiert, teilweise sogar zum Einsatz unter Tage in den Bergwerken bei halbem Männerlohn. Großbritannien stellte eine 75 000 Frauen starke "Women's Land Army" auf. Im Deutschen Reich kämpften an der "Heimatfront" Millionen von Frauen und Mädchen bei den Verkehrsbetrieben, der Post, in feinmechanischen Werkstätten, Munitionsfabriken oder als weibliches Wehrmachtgefolge (sogar bei der Flak). Dennoch blieb auch auf diesem Gebiet die Entwicklung gegenüber dem Ausland zurück. Der Grund lag in der offiziellen Hausfrau-und-Mutter-Ideologie, von der vor allem Hitler sich nicht trennen mochte. So beschied er noch im März 1943 den Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Speer, abschlägig, der Frauen in der Rüstungsindustrie beschäftigen wollte, und gab erst nach der Invasion im August 1944 seinen Widerstand auf

    Von Arbeit und Sorge um das Nötigste in Anspruch genommen, war für Zerstreuung und Erholung immer weniger Zeit, obwohl überall, selbst im Deutschland der Luftangriffe, ein gewisses Freizeitangebot gepflegt wurde. Ausgerechnet die Saison 1939/40 wurde das Rekordjahr des deutschen Films, die Zahl der Kinobesucher erreichte die Milliardengrenze. Scheinbar völlig unpolitische Revue- und Ausstattungsfilme sollten von der harten Realität ablenken und das Volk bei Laune halten - was ihnen vermutlich effektiver gelang als der offiziellen Propaganda alten Stils mit ihren Plakatparolen und "Sondermeldungen" des Rundfunks. Anfangs profitierten davon auch Theater, Varietés und Kabaretts. Anders in Japan: Dort wurde der Kinobesuch reglementiert, 3000 Teesalons schlossen, zehntausende von Geishas wurden zu Fabrik- oder Büroarbeit herangezogen. Urlaubsreisen wurden in allen Ländern beschränkt, zumal viele traditionelle Erholungsgebiete in den Küstenregionen vom Seekrieg bedroht oder oft auch zu militärischen Sperrgebieten erklärt waren. Papierknappheit brachte Einbußen im Zeitschriften- und Buchhandel. Der propagandistisch wichtige Rundfunk fand so wachsende Aufmerksamkeit. Sendungen wie das "Wunschkonzert" in Deutschland, bei dem Grüße zwischen Heimat und Front ausgetauscht werden konnten, hatten viele Millionen Hörer. Wie hoch die Wirkung des Rundfunks von den deutschen Machthabern eingeschätzt wurde, spiegelte sich in der häufigen Todesstrafe für das Abhören von "Feindsendern".

    Zur Sorge um das tägliche Brot trat vielerorts die Todesgefahr durch Kriegseinwirkung bei Luftangriffen, Kampfhandlungen, Vertreibung. Wo die deutschen Truppen auftauchten, kam die Bedrohung durch politische oder rassische Verfolgung hinzu. Vor allem die jüdischen Bürger der besetzten Länder Europas wurden zu Millionen Opfer der Judenverfolgung. Der Bombenkrieg traf mit Ausnahme der USA alle Länder, insbesondere aber Deutschland und Japan. Coventry, Hamburg, Dresden und Hiroshima stehen für die Millionen von Toten und Obdachlosen, Opfer einer Kriegsräson, die sich nicht nur gegen militärische Einrichtungen, sondern ausdrücklich auch gegen die "Moral" der Zivilbevölkerung richtete. Erfolg damit hatte keine Seite, die deutschen Nachtangriffe auf britische Städte während der Luftschlacht um England wie die angloamerikanischen Flächenwürfe auf deutsche Wohngebiete erreichten eher das Gegenteil, schürten die Erbitterung und verstärkten einen verzweifelten Durchhaltewillen. In den deutschen Großstädten wurde im Lauf der Kriegsjahre der Fliegeralarm zunehmend zum Dauerzustand, der Weg in Keller und Bunker zur allnächtlichen Routine. Aus den "Luftnotgebieten" wurden die Kinder "landverschickt" und die ohnehin meist vaterlosen Familien noch mehr auseinandergerissen. Auch in Großbritannien praktizierte man diese Methode durch Bildung von Kinderkolonien in ungefährdeten Ländern des Empire.

    Viele Völker erlitten Fremdherrschaft und Besetzung, dem militärischen folgte der Papierkrieg um Ausweise, Sondergenehmigungen, Lebensmittelmarken, Passier- und Urlaubsscheine. Es war eine Zeit der Sperrstunden, Razzien, Siegerwillkür. Zahlreiche Menschen verloren, oft für immer, ihre Heimat durch die Verschiebung der Fronten, die gewaltige Bevölkerungsbewegungen auslöste. So etwa im Sommer 1940, als Franzosen und Belgier in Massen vor den deutschen Armeen nach Süden flohen. Trecks von Zivilisten mischten sich mit den zurückflutenden Truppen und wurden vielfach Opfer von Tieffliegern oder Artillerie. Das gleiche Schicksal traf, in allerdings weit größerem Maßstab, die deutschen Flüchtlingskolonnen im Winter 1944/45, die aus Furcht vor der Rache der Roten Armee nach Westen strömten. Insgesamt kamen zwei Millionen Menschen dabei durch Frost, Erschöpfung, Hunger und Luftangriffe ums Leben. Sie ertranken in torpedierten Schiffen wie der Wilhelm Gustloff, wurden von Jagdbombern mit Bordwaffen beschossen, brachen in vereiste Flüsse ein oder gerieten zwischen vorpreschende Panzerrudel.

    Dieser Alltag überdauerte den Krieg; er wurde in Deutschland nach Ende der Feindseligkeiten sogar fast noch härter. In dem zerstörten, mit Flüchtlingen überfüllten Land ohne intakte Staatsorganisation herrschte eine Hungersnot, die etwa im harten Winter 1946/47 dramatische Formen annahm. Es dauerte Jahre, ehe von einer Normalisierung gesprochen werden konnte, und doch ging diese rascher vonstatten, als man es angesichts der ungeheuren Kriegsschäden und der Demontage der Industrieanlagen hatte erwarten können. Vor allem West-Deutschland erholte sich dank amerikanischer Hilfe bald. Am 10.1.1950 endete offiziell die Lebensmittel-Bewirtschaftung. In der DDR dauerte sie bis zum Mai 1958, und auch Großbritannien trennte sich erst Ende der 1950er Jahre vom System der Lebensmittelkarten.