Alliierte Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam (Thema)

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Die deutschen Behörden verhielten sich den alliierten Gefangenen gegenüber nicht einheitlich. Während westliche Gefangene im Wesentlichen nach dem Genfer Kriegsgefangenenabkommen vom 27.7.1929 in Verbindung mit der Haager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907 behandelt wurden, fanden die völkerrechtlichen Schutzvorschriften auf Gefangene ostalliierter Streitkräfte und bestimmte Soldaten aus dem Südost-Raum nur beschränkt oder keine Anwendung. Hinsichtlich polnischer Kriegsgefangener war man nach Vernichtung des polnischen Heeres z.B. der Ansicht, dass bestimmte Vorschriften des Völkerrechts (etwa Rechte und Pflichten der Schutzmacht) nicht mehr zu berücksichtigen seien, weil sie das Bestehen einer Krieg führenden Macht voraussetzten, der polnische Staat jedoch seit Abschluss des deutsch-sowjetischen Vertrags vom 28.9.1939 nicht mehr bestand. Und bei sowjetischen Gefangenen sah man sich später wegen Nichtbeitritts der UdSSR zum Genfer Abkommen und deren Nichtanerkennung der HLKO an die völkerrechtlichen Abkommen nicht gebunden.

    Aus der Menge der polnischen Soldaten ließ man sofort nach der Gefangennahme diejenigen heraussuchen, die im Verdacht standen, Verbrechen an Deutschen begangen zu haben. Im Allgemeinen wurden sie ohne Durchführung eines gerichtlichen Verfahrens erschossen. Soweit sie verdächtig waren, "reichsfeindliche Elemente" zu sein, wurden sie ebenfalls ausgesondert, in Konzentrationslager (KZ) eingewiesen und dort meist getötet. Allgemein bestand bei Flucht aus Gefangenschaft Schießbefehl ohne Vorwarnung. Bei Wiederergreifung kamen die Ausgebrochenen in ein KZ und wurden dort getötet (z.B. Fall Dössel). Bei Einsatz in der Kriegs- und Landwirtschaft galten für die Gefangenen bestimmte Lebensführungsregeln. Wenn sie gegen diese verstießen, veranlasste das RSHA ihre Überstellung in Arbeitserziehungslager, Konzentrtionslager oder, bei schweren Verstößen (z.B. Verhältnis mit deutschen Frauen, Tätlichkeiten gegen Arbeitgeber), die Tötung, die meistens durch Erhängen am "Tatort" erfolgte. Die Regeln galten auch für sowjetische Gefangene.

    Das schwere Los der sowjetischen Soldaten in deutschem Gewahrsam begann zunächst schon unmittelbar nach der Gefangennahme, in die sie völlig erschöpft nach wochenlangen Einschließungen gerieten. Unversorgt lagen sie ohne Unterkünfte auf freiem Feld in den Armee-Gefangenen-Sammelstellen und den Durchgangslagern (Dulags). Ähnlich waren die Zustände in den Stammlagern (Stalags) des rückwärtigen Heeresgebietes, in die die Rotarmisten so schnell wie möglich weiterverlegt wurden. Die Stammlager waren völlig überbelegt, Unterkünfte und Versorgung vollkommen unzureichend; Massensterben war die Folge. Die Verhältnisse besserten sich auch nicht, als die Gefangenen in Stalags im Reichsgebiet verlegt wurden (unter anderem Stukenbrock). Anfangs kampierten sie ohne Schutz auf schnell eingezäunten Großflächen, oft Truppenübungsplätze (z.B. Senne, Bergen). Eine Besserung trat langsam ab Ende 1941 ein, als Hitler den bis dahin verbotenen Einsatz der Gefangenen in der Wirtschaft befahl. Einige Befehle sahen von vornherein die Tötung sowjetischer Gefangener vor: Zwei Wochen vor Beginn des Russlandfeldzuges waren am 6.6.1941 vom OKH die "Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare" (so genannter Kommissarbefehl) erlassen worden, nach denen Kommissare sowie Politruks noch auf dem Gefechtsfeld von den übrigen Gefangenen abzusondern und zu erschießen waren. Der Befehl wurde häufig vom Heer nicht ausgeführt, wie sich unter anderem aus dem Auffinden zahlreicher politischer Hoheitsträger in den Dulags und Stalags folgern lässt. Mit Einsatzbefehl Nr. 8 vom 17.7.41 und Ergänzungsbefehlen Nr. 9 vom 21.7.1941 sowie Nr. 14 vom 29.10.1941 befahl der Chef der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) Heydrich im Einvernehmen mit dem OKW die Überprüfung aller mit sowjetischen Gefangenen belegten Lager auf so genannte potenzielle Gegner, z.B. Funktionäre des Staates und der KPdSU, "Intelligenzler", Juden und Personen, die als Aufwiegler oder fanatische Kommunisten bekannt wurden. Sie waren durch besondere Kommandos auszusondern und zu töten. Im Reich und im Generalgouvernement geschah das im Allgemeinen in KZ, in den besetzten Gebieten der UdSSR durchweg in der Nähe der Lager. Zehntausende von Rotarmisten wurden Opfer der Befehle. Allein im KZ Sachsenhausen wurden vom 1.9.1949 bis etwa Mitte Oktober 1941 mindestens 18 000 selektierte Gefangene getötet. Wegen Krankheit oder Verwundung arbeitsunfähige Lagerinsassen waren nach Vereinbarung mit dem OKW dem territorial zuständigen Höheren SS- und Polizeiführer zu übergeben, "der für die Weiterleitung bzw. Beschäftigung sorgen würde". Nach der Übergabe wurden sie im Reichsgebiet und im Generalgouvernement in ein KZ eingeliefert und exekutiert, in den besetzten Gebieten der UdSSR wurden sie im Allgemeinen nach der Übergabe auf freiem Gelände durch Angehörige der Sipo und des SD erschossen.

    Die unmenschliche Behandlung veranlasste im Laufe der Jahre immer mehr Russen zu Widerstandshandlungen (Brüderliche Vereinigung der Kriegsgefangenen) und Flucht. Im August 1942 flohen z.B. allein im OKW-Bereich 258 sowjetische Offiziere und 5110 sowjetische Unteroffiziere und Mannschaften. Anfang 1944 befahl das OKW nach Absprache mit dem RSHA die Überstellung von wiederergriffenen Gefangenen in das KZ Mauthausen unter dem Kennwort "Aktion Kugel". Dort wurden sie exekutiert. Insgesamt sind in deutschem Gewahrsam nachweislich mindestens 2 530 000 von etwa 5 300 000 sowjetischen Gefangenen verstorben oder liquidiert worden. Das Kriegsende bedeutete im Übrigen für die Überlebenden noch keine Befreiung. Bekanntlich wurden sie von Stalin als Verräter angesehen, nach ihrer Rückkehr in die UdSSR als solche abgeurteilt und in Straflager eingewiesen. Auch dort dürften noch zahlreiche ehemalige sowjetische Gefangene umgekommen sein.

    Holländische und norwegische Soldaten wurden auf Befehl Hitlers schon bald nach Beendigung der Kampfhandlungen entlassen. Aus Sicherheitsgründen sollten jedoch die ehemaligen holländischen Gefangenen Anfang Mai 1943 wieder in die Kriegsgefangenschaft nach Deutschland überführt werden, wobei sicherlich der Mangel an Arbeitskräften im Deutschen Reich eine Rolle spielte. Aufgrund dieser Anordnung brachen in ganz Holland Streiks aus, die die Überführung der ehemaligen Gefangenen verhinderten. Eine Rückführung der bereits ins Reich gebrachten und dort als zivile Arbeitskräfte eingesetzten ehemaligen niederländischen Gefangenen erfolgte allerdings nicht. Hinsichtlich der belgischen Soldaten befahl Hitler zunächst, die Flamen zu entlassen und die Wallonen zum Arbeitseinsatz ins Reich zu verbringen. Wegen des Mangels an Arbeitskräften wurde jedoch auch ein Teil der flämischen Gefangenen nach Deutschland transportiert. Nachdem Hitler dies bekannt geworden war, wies er die zuständigen Stellen an, die Entlassung der Flamen bis zum 31.3.1941 endgültig durchzuführen. Die noch im Deutschen Reich befindlichen wallonischen Soldaten sollten als Faustpfand in deutschem Gewahrsam bleiben.

    Ein Großteil der französischen Gefangenen kam bereits während der Kämpfe in Frankreich nach Deutschland. Nach dem Waffenstillstand im Juni 1940 wurden weitere 150 000 Mann ins Reich abtransportiert. Auf Anträge deutscher Dienststellen im besetzten Frankreich wurden Anfang 1941 eine größere Anzahl von Gefangenen beurlaubt und zur Arbeitsleistung in ihre Heimat zurückgeschickt. Nach Verhandlungen mit der französischen Regierung gewährte man schließlich im April 1943 250 000 Gefangenen ein "erleichtertes Statut": Sie wurden aus der Gefangenschaft beurlaubt und blieben als Arbeiter unter den auch für deutsche Arbeiter üblichen Bedingungen bei Gewährung von Familienheimfahrten in Deutschland. Nach Bewährung wurden sie ins zivile Arbeitsverhältnis überführt. Vom erleichterten Statut waren Berufssoldaten, Juden und "deutschfeindlich eingestellte" Personen ausgenommen. Den Gefangenen wurden bestimmte Verhaltensregeln auferlegt (z.B. keine feindselige Haltung gegen das Deutsche Reich, Fluchtversuchverbot und Verbot des Verkehrs mit deutschen Frauen), die bei Nichtbefolgung "unter Umständen" mit dem Tod bestraft werden konnten. In der Praxis erfolgte jedoch durchweg eine Einweisung in ein Sonderlager (z.B. Rawa-Ruska, Sonderlager für wiederergriffene sowie arbeitsunwillige französische Unteroffiziere und Mannschaften), wo freilich die Überlebenschancen gering waren.

    Von den britischen und amerikanischen Gefangenen erfuhren einige Gruppen, deren Verhalten Hitler als Gefährdung für die Sicherheit des Reiches und der besetzten Gebiete ansah, eine völkerrechtswidrige Behandlung. Sie wurden aufgrund besonderer Befehle liquidiert (Terror- und Sabotagetrupps, Fliegerlynchjustiz, gegen Ende des Kriegs flüchtige Gefangene bei Massenfluchten, z.B. Sagan). Während die Gefangenen jüdischen Glaubens bei den östlichen Alliierten ausgesondert und "sonderbehandelt" (ermordet) wurden, blieben sie bei westlichen Gegnern unbehelligt. Sie wurden lediglich von ihren Kameraden getrennt und im Lager in besonderen Baracken untergebracht. Von ihren Kameraden trennte man auch arbeitsunwillige britische Soldaten; sie kamen z.B. in das Sonderlager Oflag III C Hohenfels. Schwer verwundete britische und amerikanische Gefangene wurden nach dem Genfer "Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Heere im Felde" von 1929 meist gegen deutsche Schwerverletzte ausgetauscht.

    Im Südostraum wurden nach Beendigung der Kampfhandlungen Soldaten griechischer, ungarischer, makedonischer und kroatischer Volkstumszugehörigkeit auf Befehl Hitlers entlassen. Serbische Gefangene kamen zum Arbeitseinsatz ins Reich und nach Norwegen. Wie den Polen und Russen waren den Serben besondere Lebensführungsregeln auferlegt, die bei geringster Nichtbeachtung schon mit dem Tod bestraft wurden. Weitere völkerrechtswidrige Übergriffe waren nicht selten. Zum Beispiel ließ die SS in Norwegen serbische Gefangene zur Eindämmung einer Fleckfieber-Epidemie kurzerhand erschießen und ihre Unterkünfte niederbrennen.

    Eine besondere Situation im Kriegsgefangenenwesen ergab sich, als Italien aus dem Krieg ausschied. Die Soldaten der italienischen Wehrmacht und die Miliz wurden zunächst als Militärinternierte bezeichnet und in Gefangenenlager im Reich und im Generalgouvernement zusammengezogen. Ein OKW-Befehl legte schließlich fest, dass nicht mehr zum Bündnis stehende italienische Soldaten als Gefangene zu behandeln und in der Kriegswirtschaft einzusetzen seien, ausgenommen nur gewisse Offiziere, die standrechtlich erschossen werden sollten. In der Folgezeit kam es namentlich auf den Kriegsschauplätzen im Südosten zu zahlreichen Exekutionen italienischer Soldaten. Von den im Stalag 325 (Lemberg) verwahrten Gefangenen sollen sogar etwa 2000 Mann erschossen worden sein. Konkrete Anhaltspunkte haben sich bisher jedoch nicht ergeben. Es spricht manches vielmehr dafür, dass die Italiener ins Reich abtransportiert wurden, da sich tatsächlich aus den Bestandsmeldungen des OKW für den Zeitraum eine Abnahme von italienischen Gefangenen im Generalgouvernement und eine Zunahme im Reich ergibt. Die Behandlung der italienischen Gefangenen war in der Versorgung im Allgemeinen schlecht. Eine wesentliche Rolle dürfte hierbei der Bruch des Bündnisses gespielt haben.

    Am 1.1.1945 befanden sich im OKW-Bereich (Reichsgebiet und Norwegen) noch 2 442 687 alliierte Soldaten in deutschem Gewahrsam, davon 64 444 Belgier, 168 640 Briten, 920 598 Franzosen (davon 220 037 mit erleichtertem Statut), 10 278 Holländer, 68 142 Italiener, 70 121 Polen, 122 232 Serben, 930 287 Russen, 62 090 Amerikaner und der Rest Sonstige. Wie viele Gefangene im Operationsgebiet festgehalten wurden, ist nicht bekannt; ihre Anzahl dürfte jedoch in der Endphase des Krieges nicht mehr erheblich gewesen sein.