Albert Speer

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    deutscher Architekt und Politiker

    geboren: 19. März 1905 in Mannheim gestorben: 1. September 1981 in London

    Am 23. Mai 1945 verhaften die Briten Dönitz (mitte), seinen Minister Speer (links) und Generalmajor Jodl (rechts).

    während des Studiums Mitglied einer völkischen Gruppe, nach der von Speer fast "magisch" erlebten Begegnung mit Hitler 1931 Mitglied der NSDAP, als Architekt Vertreter eines neoklassizistisch-imperialen Baustils; als Mitarbeiter des Baumeisters Troost nähere Bekanntschaft und schließlich Freundschaft mit Hitler, Entwurf gigantischer Parteitagskulissen und Repräsentationsbauten im "Pharaonenstil". Speer konnte im Januar 39 nach Rekordzeit die Neue Reichskanzlei übergeben, für deren Bau ihm unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestanden hatten. Vieles blieb jedoch wegen des Kriegsbeginns im Planungsstadium stecken, darunter die Neugestaltung Berlins als "Welthauptstadt Germania", die "der Absicht Hitlers entsprach, nationale Individualitäten auszulöschen, ihre Vergangenheit wie ein Geröllfeld zu behandeln" (K.H. Bohrer). Beeindruckt vom Organisationstalent Speers, der sich als Künstler verstand, berief ihn Hitler am 18.2.42 zum Nachfolger des verunglückten Todt als Minister für Bewaffnung und Munition (2.9.43 erweitert zum Ressort Rüstung und Kriegsproduktion). Bis 1944 gelang Speer eine erhebliche Steigerung des Ausstoßes von Waffen und Gerät, wobei ihm zugute kam, dass er sein Amt zu einem Zeitpunkt antrat, als auch die nationalsozialistische Führung die Notwendigkeit verschärfter kriegswirtschaftlicher Anstrengungen erkannte (Führerbefehle vom 3.12.41, 25.1. und 21.3.42). Mit der "Zentralen Planung", einer Art Verbundsystem, steuerte er durch Rationalisierung, Kontingentierung der Rohstoffe, Zuteilung von Arbeitskräften und technischen Innovationen die Rüstungsindustrie, deren privatrechtlicher Charakter davon unberührt blieb. Im Zuge der "Totalisierung" des Krieges seit Frühjahr 43 übernahm das "Ministerium Speer" auch die Rüstungsproduktion von Marine und - später (1944) - Luftwaffe und erweiterte seinen Einfluss durch immer neue Rekordergebnisse bei immer schlechteren äußeren Bedingungen (Rückzüge, Bombenkrieg u.a.). Neben der Mobilisierung des Durchhaltewillens mit Hilfe massiver Propaganda basierten diese "Erfolge" auf der gnadenlosen Ausbeutung der zu Millionen rekrutierten Zwangsarbeiter. Als Speer Ende 44 erkannte, dass die Niederlage dennoch unvermeidlich war, ging er auf Distanz zu Hitler, sabotierte seinen Nero-Befehl (19.3.45) und erwog sogar - nach eigener Aussage - ein Giftgasattentat.

    Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Nürnberger Prozess verurteilt, erhielt Speer eine 20-jährige Haftstrafe, die er in Spandau verbüßte. Als einer der wenigen Angeklagten hatte er eine "Mitverantwortung" an den nationalsozialistischen Gräueln eingeräumt, wozu er auch in den "Erinnerungen" (1969) und in den "Spandauer Tagebüchern" (1975) stand. Dennoch sind diese persönlichen Versuche der "Vergangenheitsbewältigung" vielfach auf Kritik gestoßen, weil sie noch in der Reue selbstgerecht seien (Dawidowicz) und "die Problematik von Schuld und Strafe" nicht neu aufgegriffen hätten (Mitscherlich). Außerdem wurde befürchtet, Speers Schicksal könne bei vielen Zeitgenossen die "moralische Funktion einer stellvertretenden Sühne" (Kogon) annehmen und politisch missbraucht werden. Speer passt nicht ins Bild der führenden Nationalsozialisten, sondern repräsentiert eher einen Menschentypus, den schon Max Weber zu Beginn unseres Jahrhunderts als beklemmende Möglichkeit der Entwicklung abendländischer Rationalität gesehen hat: Verbindung von "Fachmensch ohne Geist" und "Genussmensch ohne Herz".