Abwehr

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Sammelbezeichnung für den militärischen Nachrichtendienst der Wehrmacht, offizielle Bezeichnung seit 4.2.1938 Amtsgruppe Abwehr und seit 1939 Amt Ausland/Abwehr im OKW.

    Die Abwehr entstand 1920 in der Reichswehr, der nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags lediglich Spionageabwehr, jedoch keine aktive Auslandsaufklärung erlaubt war; Chef 1933/34 Kapitän zur See Patzig, seit 1.1.1935 Konteradmiral (1.1.1940 Admiral) Canaris; Dienstsitz bis 1943 Berlin, Tirpitzufer 74/75, danach Zossen bei Berlin.

    Bei Kriegsausbruch gliederte sich die Abwehr in: Zentralabteilung oder Abteilung Z mit Personal- und Finanzverwaltung, Zentralkartei u.a. (Oberst Oster); Abteilung I Geheimer Meldedienst, aktive militärische Auslandsaufklärung für alle drei Waffengattungen, dazu logistische Dienste wie Funkwesen, Werkstätten und Labors für Geheimfotografie und Dokumentenfälschung (Oberst Piekenbrock); Abteilung II Sabotage und Sonderaufgaben, darunter psychologische Kriegführung und nationale Minderheiten (Oberst Lahousen); Abteilung III Spionageabwehr, Gegenspionage mit der Gruppe III F Infiltration feindlicher Dienste (Oberst von Bentivegni). Dazu kam die Amtsgruppe Ausland, zuständig für die Sammlung politischer Auslandsnachrichten, Zusammenarbeit mit dem AA, Militärattaché und Rechtsberatung (Vizeadmiral Bürkner). Zur Abteilung II gehörten auch die legendären Brandenburger, eine für Sonder- und Sabotageeinsätze geschulte Spezialtruppe. Feindnachrichten sammelten innerhalb der Wehrmacht außerdem die Abteilungen "Fremde Heere West" und "Fremde Heere Ost" im OKH/Generalstab des Heeres.

    Innerhalb des Reiches gehörte zu jedem der 7 Wehrkreise eine Abwehrstelle (Ast), ihre innere Organisation entsprach der der Zentrale. Bei der Truppe war die Abwehr auch durch eigene Abwehroffiziere vertreten. Im Ausland richtete sich die Arbeitsweise je nach den Beziehungen zu den betreffenden Ländern. Zu den Geheimdiensten verbündeter Regierungen bestanden offizielle Verbindungen wie in Italien oder Japan; im neutralen Ausland arbeitete die Abwehr vorwiegend unter der Tarnung des diplomatischen Dienstes, im feindlichen Ausland mit Hilfe angeworbener Agenten oder Überläufer (Fachjargon: Vertrauens- oder V-Männer). In den besetzten Ländern richteten sich die Aktivitäten der Abwehr nach den politischen und militärischen Erfordernissen. So unterhielt sie in Prag und Brüssel eigene Abwehrstellen, die technisch der Berliner Zentrale unterstanden, operativ und disziplinarisch jedoch den örtlichen Wehrmachtbefehlshabern.

    Das Amt Ausland/Abwehr war nach der Krise um den Heeresoberbefehlshaber Fritsch zu einem Zentrum des Militärischen Widerstands geworden, dessen Seele Oster war. Es glückte ihm lange, die Verschwörer zu tarnen, ihre Pläne abzusichern und den Kriegsgegnern Nachrichten zukommen zu lassen. Auch bei der Beschaffung von Sprengstoff für Attentatsversuche half er. Mit der Verhaftung von Dohnányi und Osters Kaltstellung im April 1943 schwanden aber diese Möglichkeiten der Abwehr. Ihr Widerstand erlosch schließlich mit der Entmachtung von Canaris im Februar 1944 und der Übernahme der Abwehr als Militärisches Amt (Amt MIL) durch den rivalisierenden SD im RSHA.