"Seelöwe"

    Aus Lexikon Zweiter Weltkrieg

    Deutsche Vorbereitungen für das mehrfach verschobene Unternehmen "Seelöwe", das am 12. Oktober 1940 als zu riskant endgültig abgeblasen wurde

    Deckname für die geplante Landung von Wehrmachttruppen in Großbritannien. Nachdem schon im Winter 39/40 in der Seekriegsleitung erste Überlegungen für eine Invasion der britischen Insel angestellt worden waren, rückte sie nach Erreichen der Kanalküste im Frankreichfeldzug durch deutsche Truppen in den Bereich des Möglichen. Bei einem diesbezüglichen Vortrag des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine am 20.5.40 blieb Hitler jedoch reserviert, da er nach einem Sieg auf dem Festland mit dem Einlenken Londons rechnete. Als die British Expeditionary Forces aus Dünkirchen entkommen waren und auch der Zusammenbruch Frankreichs nicht die erwünschte Wirkung auf Großbritannien ausübte, wurde am 2.7.40 der Befehl zu Vorbereitungen und am 16.7. mit Weisung Nr. 16 das Unternehmen "Seelöwe" in Auftrag gegeben: Bis zum 15.8. sollte in den Kanalhäfen "Transportraum für 260 400 Mann, 61 983 Pferde, 34 200 Fahrzeuge, darunter Panzer, Artillerie und 52 leichte Flakbatterien der Luftwaffe" bereitgestellt werden. Die dafür erforderliche Flotte sollte die deutschen Armeen 9 (Strauß) und 16 (Busch) in drei "Treffen" übersetzen, wozu allerdings zuvor die Luftherrschaft über dem Ärmelkanal zu erringen und die britische Flotte durch Minensperren und geeignete Ablenkungsangriffe fernzuhalten war.

    Obwohl als "überraschender Übergang" geplant, ließ sich weder die Truppenmassierung von 40 Divisionen, später auf 25 reduziert, noch das Zusammenziehen der zahllosen, größtenteils im französischen Hinterland requirierten Transportmittel verheimlichen, sodass wegen britischer Luftangriffe, denen insgesamt 51 Prähme, 9 Dampfer und 1 Schlepper zum Opfer fielen, der ohnehin nicht haltbare Termin weit hinausgeschoben werden musste. Es fehlte obendrein an geeigneten Landungsschiffen, die erst von Heer und Marine in fieberhafter Eile entwickelt werden mussten, darunter so verblüffende Gefährte wie die Herbert- und die Siebelfähren und so phantast. wie das Kriegskrokodil. Die dafür und für die Armierung der anderen Einheiten erforderlichen Material- und Werftaufwendungen verzögerten alle anderen Seerüstungsaufgaben bedenklich, sodass nach Scheitern der Luftwaffe beim Kampf um die Luftherrschaft "Seelöwe" zunehmend illusorisch wurde.

    "Deutsche Vorbereitungen für das mehrfach verschobene Unternehmen ""Seelöwe"", das am 12. Oktober 1940 als zu riskant endgültig abgeblasen wurde

    Zwar konnte die Kriegsmarine am 16.9.40 einsatzbereit melden: 168 Truppentransporter, 1975 Prähme, 100 Küstenmotorschiffe, 420 Schlepper, 1600 Motorboote, doch war zwischen OKH und OKM immer noch das Vorgehen strittig: Die Marine forderte einen kleinen Landestreifen von nur 110 km Länge zwischen Folkstone und Brighton, um die Sicherungskräfte nicht zu zersplittern, das Heer verlangte die Ausdehnung bis mindestens zur Isle of Wight und die Nachführung der 6. Armee (v. Reichenau) weit westlich bei Portland; das sei erforderlich wegen der britischen Verteidigungskräfte, bestehend aus 26 Felddivisionen - 8 an der Ostküste bis zum Wash, 7 anschließend bei Dover, 3 als Reserve um London, 5 an der Südküste und 2 im Westen. Hitler entschied sich wegen der begrenzten Mittel für die kleine Lösung, die aber auch immer wieder verschoben wurde. Herbststürme und der sich abzeichnende Konflikt im Osten führten am 12.10.40 schließlich zu dem Entschluss, "Seelöwe" aufs nächste Jahr zu vertagen. Die Vorbereitungen sollten "nur noch als politisches und militärisches Druckmittel" aufrechterhalten werden. Am 10.1.41 wurden auch sie endgültig eingestellt.